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Eintracht Frankfurt: Rückschlag zum Neustart

Von Einige Leistungsträger sind schon weg, jetzt geht auch noch der Leitwolf: Kevin-Prince Boateng wird der Eintracht nicht nur heute beim Trainingsauftakt fehlen.
Der Pokal bleibt, der Eintracht-Prince aber ist weg: Auch Boateng verlässt Frankfurt. Foto: Andreas Arnold (dpa) Der Pokal bleibt, der Eintracht-Prince aber ist weg: Auch Boateng verlässt Frankfurt.
Frankfurt. 

Wenn Adi Hütter an diesem Mittwochmorgen um zehn Uhr zu seiner ersten öffentlichen Trainingseinheit in Diensten der Frankfurter Eintracht bittet, wird der eine oder andere Spieler entschuldigt fehlen. Die Russland-Reisenden zum Beispiel – auch wenn sich die Zahl der noch im Weltmeisterschafts-Einsatz befindlichen Adlerträger nun doch zusehends verringert. Dass Kevin-Prince Boateng indes den Einstand des neuen Fußballlehrers verpassen würde, war so kaum zu erwarten gewesen. Der bisherige An- und Wortführer der Sportgemeinde aber bleibt nicht nur diesem Termin fern, er wird gar nicht mehr aus den Sommerferien nach Frankfurt zurückkehren. „Man kann davon ausgehen, dass er uns verlassen wird“, bestätigte Sportdirektor Bruno Hübner gestern aus Italien herüberschwappende Gerüchte.

Der nächste Real-Deal: Lucas Torro soll Mascarell ersetzen

Bruno Hübner war selbst überrascht von der Nachricht zu später Stunde, obwohl er die meisten Hintergründe dieses nächsten Real-Deals doch kannte.

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Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Boateng beim italienischen Erstligisten US Sassuolo anheuern, nur ein paar Formalien stehen noch vor dem Vollzug. Am Preis wird es nicht scheitern: Eine „großartige Ablösesumme“ werde nicht auf die Eintracht zukommen. „Wir haben ihn auch ohne größeren finanziellen Aufwand bekommen. Das war Teil der Absprache“, berichtete Hübner.

In jedem Fall ist es ein herber Rückschlag, pünktlich zum Neustart. Mit Lukas Hradecky (Bayer Leverkusen), Marius Wolf (Borussia Dortmund) und Omar Mascarell (Schalke 04) sind bereits drei Leistungsträger zu größeren Fleischtöpfen weitergezogen, nicht zu vergessen Pokalsieger-Trainer Niko Kovac, dessen Wirken in Frankfurt ihn interessant genug gemacht hat für den FC Bayern. Dass sich auch noch der Leitwolf Boateng verabschiedet, trifft den Bundesligisten doppelt. „Er hat Top-Leistungen gebracht und sich zu einem absoluten Leader entwickelt. Wir verlieren eine Persönlichkeit, auch außerhalb des Platzes. Auch da hat er Eintracht Frankfurt fantastisch verkauft. So einer ist nicht so einfach zu finden“, meinte Hübner, fügte allerdings auch an: „Sportlich glaube ich schon, dass wir die Lücke schließen können.“

Auf ihn und Sportvorstand Fredi Bobic kommt in dieser Hinsicht eine Menge Arbeit zu, schließlich gilt es nun noch eine Stelle mehr neu zu besetzen. Und Ante Rebic, Boatengs kongenialer Partner beim historischen Cup-Coup gegen die Bayern und bei der Römerparty tags drauf, wird mit seinen Auftritten bei der WM obendrein immer begehrter. – Der Mascarell-Ersatz scheint mit dem 23-jährigen Spanier Lucas Torro immerhin gefunden, und „fünf, sechs andere Spieler“, so Hübner, habe man auch noch an der Angel.

Ist Rebic zu halten?

Konkrete Anfragen für Rebic wiederum gibt es noch keine, aber die werden nach der WM kommen, da ist sich der Sportdirektor sicher. Ob er überhaupt zu halten ist? „Wir hoffen, dass er bleibt, und haben das in eigener Hand“, sagte Hübner über den „Unterschiedsspieler“, im Wissen, dass das nur die halbe Wahrheit ist: „Ante muss auch erkennen, dass seine Zukunft bei uns liegt.“ Schließlich brauche man keinen hochmotivierten Spieler, der vielleicht beleidigt sei, weil man ihm den nächsten Schritt verbaut habe. Aubameyang und Co. lassen grüßen. Und falls bei Rebic die Überzeugung zu einer Frankfurter Zukunft fehlt – was bei andernorts in Umlauf befindlichen Wahnsinnssummen nicht unverständlich wäre – gilt es, den größtmöglichen finanziellen Gewinn aus dem sportlichen Verlust zu ziehen. Bei Gehalts- und Ablösefragen auf höheren Ebenen, das ließ Hübner durchblicken, kann die Eintracht trotz der guten Entwicklung der vergangenen zwei Jahre nicht mithalten. „Wir müssen einen anderen Weg gehen, mit jungen Talenten und wenigen Mitteln arbeiten“, erklärte er. „Und kreative Lösungen finden“.

Näher an der Familie

So wie vor einem Jahr mit Boateng, der über aus gemeinsamen Profi-Zeiten in Berlin stammenden Kontakten mit Bobic und Kovac nach Frankfurt fand, vom spanischen Erstligisten UD Las Palmas. Nun zieht es den 31-Jährigen weiter, anders als die nun bei größeren Adressen anzutreffenden Frankfurter Kollegen in die Provinz. Und um finanzielles und fußballerisches Fortkommen geht es bei diesem Tapetenwechsel auch nicht. Immerhin blieb US Sassuolo in Italiens erster Klasse. Vor allem aber liegt das 40 000-Einwohner-Städtchen in der Emilia Romagna nur zwei Autostunden von der Metropole Mailand entfernt. Dort wurde Boateng mit dem Superstar-Ensemble des AC Mailand 2011 italienischer Meister, dort ist der Familiensitz, mit Ehefrau Melissa Satta und Söhnchen Maddox.

„Da sieht man mal, dass nicht immer Geld das ausschlaggebende Argument ist, sondern dass auch andere Beweggründe eine Rolle spielen, gerade in dem Alter“, meinte Hübner. „Schon als er zu uns kam, wurde abgesprochen: Wenn er die Möglichkeit hat, nahe zu seinem Lebensmittelpunkt zurückzukommen, ist das sein Wunsch. “

Freilich soll es der Familie Boateng in Frankfurt auch nicht so schlecht gefallen haben. Zuletzt hieß es noch, er habe nach einem Telefonat mit Kovac-Nachfolger Hütter seinen Verbleib erklärt. Gegen Ende der vergangenen Woche aber unterrichtete Boateng Bobic von seinem Wechselwillen, viel zu machen war da nicht mehr. „Wer ihn kennt, weiß, dass er eine klare Position hat. Er hat es auch gut erklärt“, sagte Hübner. Es seien ein paar Faktoren zusammen gekommen. Der Wunsch zum Beispiel, nach dem Pokalsieg endlich einmal mit einem Erfolg aus Deutschland abzugehen, anders als vor drei Jahren von Schalke 04.

„In der Vergangenheit waren da immer Misstöne dabei. Jetzt hat er für sich gesagt: Das ist ein Höhepunkt, so möchte ich mich verabschieden“, erklärte Hübner. Hinzu kamen gewiss auch Zweifel, die starke Saison bestätigen, sich in reiferem Alter noch einmal Woche für Woche motivieren zu können – in einer Runde mit Europareisen und voller Herausforderungen. Und vermutlich spielte auch der Abgang von Kovac und ein paar Kumpels eine Rolle. Bruno Hübner erinnerte zum Ende der Zusammenarbeit an die Anfänge. „Viele haben gefragt: Wie kann man den noch mal holen? Aber alle Überlegungen haben gegriffen, auch die des Spielers, das war eine Win-Win-Situation“, bilanzierte er: „Das war ein saustarkes Jahr.“ Mit dem Pokalsieg als märchenhafter Schlusspointe. Nun ist der Eintracht-Prince weg, so plötzlich und unerwartet wie er gekommen war – und die Fortsetzung der Frankfurter Erfolgsgeschichte ist nicht leichter geworden.

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