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Eintracht Frankfurt: Chandlers Seitenwechsel als Warnung für Willems

Drei Frankfurter Rechtsverteidiger standen gegen Freiburg auf dem Rasen, die beiden Linksverteidiger gar nicht im Kader. Jetro Willems sollte diesen Wink verstanden haben.
Timothy Chandler Foto: Peter Hartenfelser (imago sportfotodienst) Timothy Chandler
Frankfurt. 

Dass sich der Name von Omar Mascarell am Samstag auf dem Aufstellungsbogen zum Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den SC Freiburg fand, war keine wirklich große Überraschung mehr. Die Rückkehr des Ballkontrolleurs nach langer Zwangspause war schließlich herbeigesehnt worden, und sie gelang ja dann auch zur allgemeinen Zufriedenheit. Verblüffender war da schon, dass von Jetro Willems gar nichts zu lesen war auf diesem DIN-A-4-Papier, nicht unter den ersten Elf und noch nicht einmal auf der Bank. Warum das so war, erklärte Niko Kovac hinterher eher allgemein, zwischen den Zeilen steckte da aber auch ein spezieller Wink an seinen Linksverteidiger: „Wir haben einen großen Kader, jeder hat die Chance, sich zu empfehlen“, führte der Eintracht-Trainer aus. „Wir werden diejenigen aufstellen und in den Kader nehmen, wo wir sagen, dass sie uns in dem Spiel helfen können.“

Willems zählte nicht dazu. Kovac versetzte lieber Timothy Chandler von rechts nach links – und allein dass dieser das Frankfurter Führungstor vorbereitete, bestärkte ihn darin: „Das war ein guter Schachzug“, lobte der Trainer seinen Seitenwechsel und sich selbst und seine Assistenten auch ein bisschen. Dass zum Neustart der Bundesliga schließlich nicht mehr als ein 1:1 heraussprang, lag jedenfalls gewiss nicht daran. Und auch nicht an einer ungewöhnlichen Konstellation, die sich gegen Ende ergab, als Danny da Costa für den angeschlagenen Innenverteidiger Marco Russ aufs Feld kam: Da standen in dem flexiblen Chandler, der nun eben ins Zentrum rückte, dem jetzt ebenfalls von rechts nach links versetzten Marius Wolf und da Costa drei Rechtsverteidiger gleichzeitig auf dem Platz – während Willems ebenso wie der andere gelernte Linksverteidiger Taleb Tawatha es nicht einmal in den Kader schafften.

Wer hätte das vor der Saison gedacht? Da galten Chandler und Willems als Platzhirsche, da Costa und Tawatha als ihre ersten Vertreter. Und Wolf hatte wohl niemand so richtig auf der Rechnung. Der aber wurde während Chandlers Verletzungspause zum Senkrechtstarter – und durfte auch jetzt seinen Platz behalten. „Die Idee ist langsam gereift. Marius hat es gut gemacht, Timmy auch. Und warum sollte ich einen draußen lassen, der es gut macht?“, erklärte Kovac seine Gedankenspiele. Die Lösung, die er fand, darf Willems wiederum schon als Warnschuss verstehen.

Als er im Sommer anheuerte, schien das eine gute Lösung, auch wenn sie etwas teurer ausgefallen war. Bastian Oczipka war nach fünf Frankfurter Jahren zu Schalke 04 gewechselt. Die Eintracht erhielt 4,5 Millionen Euro Ablöse. Und steckte das Geld, sogar mehr, sofort in einen Nachfolger. Jetro Willems kam, mit vielen Vorschusslorbeeren, unter anderem 22 Länderspielen für die Niederlande, von einem großen Verein, der über Jahre hinweg Champions League gespielt hat, vom PSV Eindhoven, angeblich für fünf bis sechs Millionen Euro.

Uneingelöstes Versprechen

Dafür aber ist der 23-jährige Willems sechs Jahre jünger als Oczipka. Und gehört zu jener Fraktion von Spielern im Frankfurter Aufgebot, die man irgendwann einmal mit Gewinn weiterverkaufen möchte. Transfererlöse sollen ein Teil des Geschäfts der Eintracht werden, diese Philosophie wird von Sportvorstand Fredi Bobic vertreten und forciert. Bislang ist das noch nicht gelungen. Ob Willems so ein Fall werden könnte? Bislang ist er eher ein uneingelöstes Versprechen.

Seine ersten Auftritte waren verheißungsvoll, bei seinen Tricks ging ein Raunen durchs Stadion. Zu oft verlässt sich der 23-Jährige aber darauf, statt einen Flügellauf mal beherzt durchzuziehen – so wie es die technisch gewiss weniger beschlagenen Wolf und Chandler vormachen. „Mich nervt, wie oft er das Tempo aus dem Spiel nimmt“, hat der Frankfurter Weltmeister Thomas Berthold in seiner „Bild“-Kolumne unlängst erst deutliche Kritik geübt. Das ist es, was auch den Trainer stört. Auch wenn der das nie so deutlich formulieren würde.

Schon vor der Winterpause hatte Willems nicht wirklich gut gespielt, war eher durch alberne Schwalben aufgefallen als durch Flanken. Im Trainingslager in Spanien drängte er sich nicht unbedingt auf. Und im einzigen Test während der Vorbereitung, beim 3:1 gegen den Zweitligisten Erzgebirge Aue, konnte er auch nicht überzeugen.

Eine Prise Selbstkritik

Dass Kovac nun Chandler für ihn aufbot, war insofern nachvollziehbar. Der hat das gut gemacht, auch Erfahrungen aus der US-Nationalmannschaft mit dieser Rolle. Aber dieser Seitenwechsel hat gleichzeitig deutlich gemacht, dass es der Eintracht noch nicht gelungen ist, Oczipka wirklich zu ersetzen. Davon ist auch Tawatha, für 1,2 Millionen Euro im Sommer 2016 von Maccabi Haifa geholt, noch weit entfernt. Der Israeli hat Zug nach vorne, wie Willems aber in der Abwehrarbeit Nachholbedarf. Sportvorstand Fredi Bobic sagt zwar, „dass es doch schön ist, wenn zwei Spieler um den Platz kämpfen müssen“. Doch das trifft nur zu, wenn der Konkurrenzkampf auf hohem Niveau stattfindet und die Konkurrenten sich gegenseitig zu besseren Leistungen treiben. Davon ist wenig zu erkennen. Die Konstanz von Oczipka, das war dessen Kernkompetenz mit 33 von 34 Spielen in der vorigen Saison und auch jetzt wieder als Schalker Stammkraft, können beide noch längst nicht bieten. „Bastian Oczipka ist sicher unser größter Verlust“, hatte Kovac in einem Gespräch im Frühherbst gesagt. Das hat sich seitdem umso mehr gezeigt.

Nun neigt der Frankfurter Trainer nicht dazu, Spieler zu schnell abzuschreiben. Also wird Jetro Willems bestimmt bald wieder eine Chance bekommen. Auch wenn er den ersten Wink vor Weihnachten offenbar nicht richtig verstanden hat. Da war Kovac so unzufrieden mit ihm gewesen, dass er ihn ungewöhnlicherweise schon vor der Halbzeitpause vom Platz genommen und auch da Chandler auf links ins Spiel gebracht hatte. Jetro Willems nahm es sportlich und mit einer Prise Selbstkritik. „The road to success is always under construction“, schrieb er auf seiner Instagramseite im Internet unter ein Foto von der Auswechslung mit Kovac und sich selbst. Vorangekommen ist er zwischen Schalke und Freiburg nicht mit den Baustellen auf seinem persönlichen Weg zum Erfolg.

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