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Wertewandel: Kontroverse Blicke auf die 68er

Wie unterschiedlich können im Rückblick die Ereignisse der 68er Jahre beurteilt werden? Fabian Beltz führte ein Interview mit einer streitbaren Zeitzeugin dieser Generation, das dann doch versöhnlich endete.
Frankfurt. 

„Geht raus und macht Interviews mit denen, die dabei waren, die die 68er Revolte hautnah erlebt haben, fragt eure Großeltern, wie es damals war, in Frankfurt, Berlin, aber auch in der Provinz, und schreibt es auf“. Es klang sehr plausibel, was uns unsere Betreuer bei der FNP mit auf den Weg gegeben haben und erwies sich doch als zunehmend schwieriges Unterfangen. Da aus der Generation meiner Großeltern allein noch eine Großmutter verblieben ist, fiel die Auswahl nicht schwer, das Gespräch bei Kaffee und Kuchen war es dann allerdings umso mehr.

Rasch zeigte sich nämlich, dass auch dem bisherigen Lieblingsenkel nicht alles erlaubt ist und Fragen nach dem politischen und gesellschaftlichen Standpunkten in jener bewegten Zeit von 1968 auch heute noch zu emotionalen Ausbrüchen und heftigen Debatten führen können. So gehört meine Großmutter zwar altersgemäß durchaus zu den Bilderstürmern, Revolutionären und Weltverbesserern jener Zeit, auch passt ihre eigene Geschichte zunächst zu denen anderer Zeitgenossen, und doch hat sie für sich ganz andere Erinnerungen an ihre Studentenzeit.

Flucht aus Schlesien

Geboren 1944 in Schlesien, erlebte sie eine typische Nachkriegskindheit, die durch Flucht und Vertreibung geprägt war. Ihr Vater, Chefarzt an einem Krankenhaus, musste sie und ihre beiden Schwestern nach dem frühen Tod der Mutter allein erziehen, was nicht immer ganz einfach war, zumal sie mehrfach alles verloren und wieder von vorne beginnen mussten. Zu den Merkwürdigkeiten jener Zeit gehörte auch die Bekanntschaft zu einer Familie Mahler, deren drittältester Sohn Horst sich später als Anwalt und zeitweiliges Mitglied der „Rote Armee Fraktion“ einen Namen machte.

Von deren radikalem Gedankengut war meine Großmutter weit entfernt. Auch wenn sie zunächst im unruhigen Berlin ihr Lehramtsstudium aufnahm, hatte sie sehr bald andere Prioritäten: Sie wurde schwanger, brachte meinen Vater zur Welt und musste sich neu orientieren. Sie ging zurück nach Frankfurt, wo die Zeiten zwar auch bewegt waren, es aber in ihren Augen doch ruhiger zuging. Dort heiratete sie, was zu dieser Zeit auch nicht unbedingt ein Akt gesellschaftlichen Aufbegehrens war, und wurde zunehmend ein Teil dessen, was die revolutionär gestimmten Studierenden jener Zeit ablehnten und auch bekämpften: Einer in vielen Bereichen rückwärtsgewandten Gesellschaft, die den Forderungen der Revolutionäre jener Tage nach mehr Demokratie, Freiheit und Teilhabe bestenfalls mit Gleichgültigkeit und im schlechtesten Fall mit unverhohlenem Hass begegnete. Letzterer zeigte sich etwa beim Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968.

Verständnislosigkeit

So ist auch das Verständnis meiner Großmutter für die Forderungen und Thesen jener Zeit begrenzt, zumal ihr Weltbild auch eher konservativ erscheint und revolutionäres Aufbegehren und der Wunsch nach radikalen Veränderungen bei ihr damals wie heute Unbehagen und Verständnislosigkeit auslösen.

Es verging ein spannender und emotionsgeladener Besuch bei meiner Großmutter und auch wenn wir uns nicht wirklich einig waren bei der Bewertung der Ereignisse jener Jahre und ihre Erinnerungen häufig im Widerspruch zu dem standen, was ich aus der Sicht des Nachgeborenen in dieser für mich prägenden Zeit sehe, war es doch gewiss kein verlorener Nachmittag.

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