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Integration von Asylsuchenden: Wo sind die Fachkräfte?

Von Allein in Hessen sind rund 40 000 Arbeitsplätze unbesetzt. Viele Unternehmen hoffen, diese vakanten Stellen mit Flüchtlingen besetzen zu können. Doch neben Sprachkenntnissen fehlt es meist auch an den nötigen Qualifikationen.
Wirtschaft will stärker auf Migranten setzen Foto: Oliver Killig (dpa-Zentralbild) Ob Fachkraft, Azubi oder Handwerker: Viele Unternehmen suchen Arbeitskräfte. Doch aufgrund bürokratischer Hürden und Sprachbarrieren schaffen bisher nur wenige Flüchtlinge den Sprung in den Arbeitsmarkt.
Frankfurt. 

Von den 80 000 Flüchtlingen, die im Laufe des vergangenen Jahres in Hessen ankamen, sind inzwischen 11 000 potenzielle Arbeitnehmer bei der Bundesagentur für Arbeit registriert, darunter 44 Prozent Frauen. Doch nur 4300 Asylsuchende, also rund fünf Prozent aller Neuankömmlinge, stehen dem hiesigen Arbeitsmarkt bereits zur Verfügung. Der Rest durchläuft entweder eine berufsvorbereitende Maßnahme oder ist mit der Betreuung von Kleinkindern beschäftigt.

Wie Frank Martin, der Chef der hessischen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, erläutert, warten von den 80 000 in Hessen registrierten Flüchtlingen noch immer 21 000 darauf, dass ihr Asylantrag bearbeitet oder genehmigt wird. Etwa die Hälfte aller Asylanträge werde in der Regel abgelehnt. Weitere 10 000 Asylsuchende sind entweder noch minderjährig oder haben bereits das Rentenalter erreicht und sind daher noch zu jung oder schon zu alt, um zu arbeiten.

Auch wenn es hessenweit bisher erst 4300 arbeitssuchende Flüchtlinge gibt, so lechzt die Wirtschaft dennoch nach motivierten Arbeitskräften. Denn allein in Hessen sind derzeit rund 40 000 Arbeitsplätze unbesetzt. Und diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren wohl nicht umkehren lassen.

Mangel an Arbeitskräften

Wie Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), ausführt, gab es 2013 in Deutschland noch 49 Millionen Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Bis zum Jahr 2060 dürfte diese Zahl auf 38 Millionen sinken – was ein Minus von gut 23 Prozent bedeutet. „Wir müssen den Zustrom an Flüchtlingen und die demografischen Veränderungen gleichzeitig bewältigen. 80 Prozent der Zuwanderer sind jünger als 35 Jahre und hoch motiviert für Qualifizierung. Deutschland kann vom Zuzug dieser Menschen auch profitieren“, ist Fasbender überzeugt. Idealer sei freilich eine gesteuerte Zuwanderung qualifizierter Arbeitnehmer.

Frank Martin führt an, dass rund ein Drittel der 4300 arbeitsfähigen Zuwanderer jünger als 25 Jahre ist und somit „definitiv Potenzial für den Ausbildungsmarkt“ mitbringe. Zwar besäßen gut 40 Prozent der arbeitslosen Asylsuchenden einen Schulabschluss und immerhin 18 Prozent einen mit der deutschen Fach- oder Hochschulreife vergleichbaren Abschluss.

Doch in der Praxis hapere es oft an Sprachkenntnissen sowie dem Wissen über die hiesige Berufslandschaft und die nötigen Qualifikationen. Hier gelte es mit gezielter Förderung und speziell auf die Bedürfnisse von Asylsuchenden zugeschnittenen Angeboten anzusetzen. „Ohne Berufsausbildung muss der erste Schritt die Qualifizierung sein“, sagt Martin. So plane die Arbeitsagentur, im Laufe des Jahres entsprechende Angebote für bis zu 10 000 Personen zu schaffen.

Volker Fasbender macht geltend, dass die hessische Wirtschaft nicht nur händeringend Fachkräfte suche, sondern es vielerorts, gerade in Mittel- und Nordhessen, auch an ungelernten Hilfsarbeitern, Azubis und Mitarbeitern mit geringen Deutschkenntnissen mangele. Als Beispiele nannte er die Gebäudereinigerbranche, die Systemgastronomie, die Sicherheitsbranche und Zeitarbeitsfirmen.

Bürokratische Hürden

Der VhU-Chef weist jedoch auch darauf hin, dass neben fehlenden Deutschkenntnissen viele Arbeitgeber auch hohe bürokratische Hemmschuhe abschrecken. Konkret verweist er auf ein Darmstädter Hotel, das einen jungen Afghanen als Auszubildenden einstellte, der kurz darauf wieder abgeschoben werden sollte. „Unternehmen brauchen Rechtssicherheit. Weshalb sollten wir junge Menschen, die hier gebraucht werden, wieder abschieben?“, fragt Fasbender.

Ebenfalls kontraproduktiv seien die für Flüchtlinge geltende Beschäftigungs-Sperre von bis zu 15 Monaten sowie die sogenannte Vorrangprüfung. Hierbei prüft die Arbeitsagentur, ob eine Stellenvergabe an einen ausländischen Bewerber nicht zulasten eines deutschen oder EU-Staatsbürgers erfolgt. Im Zweifel habe diese Praxis zur Folge, dass „nicht ein anderer, sondern gar kein Bewerber“, die vakante Stelle antrete, moniert VhU-Chef Fasbender. Hier stellt Frank Martin eine Lockerung der Einzelfallprüfungen in Aussicht, falls für einzelne Berufsgruppen ein regionaler Mangel festzustellen sei.

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