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Früher Investmentbanker, jetzt Kunsthändler: Adorno wies ihm den Weg

Von Seine Bankkarriere ging steil bergauf. Doch Volker Volquardsen wusste trotzdem, dass er diesen Job nicht bis zu seiner Rente machen wollte. Heute liebt es der 51-Jährige, Kisten zu öffnen – wenn sich darin Kunst befindet.
Ex-Banker - Volker Volquardsen Foto: Holger Menzel Ex-Banker Volker Volquardsen mit seinem Lieblingsobjekt im Frankfurter Kunstverein: Das Kunstwerk von Arcangelo Sassolino, das nach dem Zufallsprinzip Flaschen an die Wand schießt, zeigt für ihn eindrucksvoll die Mechanismen der Gewalt.
Frankfurt. 

Eine Postkarte von Adorno änderte vor etwa 15 Jahren das Leben von Volker Volquardsen – dabei war sie nicht an ihn gerichtet, sondern stammte aus dem Nachlass von Adornos Sekretärin. Zufällig hörte er davon und kaufte sie, weil der 1969 verstorbene Adorno sein Lieblingsphilosoph war. „Damals hat mein großes Interesse an Autographen begonnen“, berichtet der 51-jährige Ex-Banker, der heute als internationaler Kunsthändler tätig ist. „Ich habe Feuer gefangen“.

Autographen, so erklärt er, sind handgeschriebene Briefe, Karten oder Notizen berühmter Menschen. Diese kauft und verkauft er heute ebenso wie Fotografien und Kunstwerke. Dabei hatte seine berufliche Laufbahn eigentlich ganz anders angefangen. „Schon mein Großvater und Vater waren bei der Commerzbank“, erzählt der gebürtige Hamburger. Daher begann er auch eine Banklehre – und das Metier lag ihm: Er landete „relativ schnell“ im Investmentbanking, bestand die Prüfung zum ISMA-Diplom (International Security Management Association), bei der viele andere durchfielen.

Für die Karriere ging er nach Frankfurt, stieg auf der Leiter immer höher, wechselte später zur DZ Bank. „Am Ende war ich Abteilungsleiter im Trading-Bereich des Investmentbankings“, sagt er.

Erst Goldgräberstimmung

Dass es ein Ende geben würde, sei für ihn immer klar gewesen – obwohl ihm seine Arbeit viel Spaß machte, die Goldgräberstimmung der ersten Berufsjahre ihn ansteckte. „Ich wollte das nie bis zur Rente machen und immer aufhören, wenn ich genug Geld habe,“ erinnert er sich. „Investmentbanking ist ein sehr stressiger Beruf.“

Als dann noch sein Vater schwer krank und das Geschäft durch die Finanzkrise immer schwieriger wurde, war 2009 die Zeit reif für den Umstieg. „Ich hatte schon den Gedanken, dass das Investmentbanking nicht mehr die Zukunft ist“, räumt er ein. Die DZ Bank sei aber, so betont er, immer fair mit ihren Mitarbeitern umgegangen.

Seine Leidenschaft jedoch gehörte Kunst, Fotos und Autographen. Und seit der Adorno-Postkarte war ihm klar, dass sich mit seinem Hobby viel Geld verdienen lässt. Er beschreibt auch Objekte, macht Inhaltsangaben von Sammlungen, übersetzt, trifft Sammler in London, Hongkong oder New York. Chinesen etwa, die alte Fotografien aus ihrem Land zurückkaufen wollen, geben ihm einen Suchauftrag.

„Es ist gerade eine gute Zeit für den Kunsthandel“, betont Volquardsen. „Viele Menschen suchen nach alternativen Geldanlagen, weil die Zinsen bei null liegen, die Risiken am Wertpapiermarkt sehr hoch und Immobilien sehr teuer geworden sind. Durch seinen Wechsel habe er daher keine finanziellen Einbußen erlitten. Aber Kunst ist für ihn dennoch mehr als nur ein lukratives Geschäft, sie ist ein „emotionales Erlebnis“, betont Volquardsen. Als Förderer unterstützt er den Frankfurter Kunstverein, fühlt sich durch einige Ausstellungen, etwa die eines Syrers, sehr bewegt. „Ich behalte viele interessante Stücke, die ich kaufe, selbst“, gibt er zu und erzählt mit leuchtenden Augen von historischen Eisenbahn-Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, die er besonders schätzt, und von Briefen Napoleons. „Man bekommt dadurch oft eine ganz neue Sicht auf die Geschichte“, ist seine Erfahrung.

Einige Stücke sind so wertvoll, dass er sie zu Hause in einem Tresor aufbewahrt, andere im Banktresor. Doch es bleiben noch genügend Kunstwerke für die Wände der Wohnung, in der er mit seiner Frau lebt. Sie ist weiterhin Investmentbankerin, hat ihm aber bei dem Wechsel „immer unterstützt“.

An das Arbeiten allein zu Hause allerdings musste er sich erst gewöhnen. „Ich habe zwar Kontakt mit Menschen, aber manchmal fehlt mir das direkte soziale Umfeld von Kollegen,“ räumt er ein. Dafür könne er jetzt seine Arbeitszeit selbst bestimmen – und das tut er durchaus mit Disziplin. „Mein damaliger Chef hat mir geraten, meine Zeit einzuteilen“, berichtet er, „und einfach in den Tag hineinzuleben hat mir nach einer Weile keinen Spaß mehr gemacht.“

Er beginnt frühmorgens

Zwischen 5 und 9 Uhr morgens beantwortet er nun Mails, bereitet Angebote vor. Danach geht er zum Sport – sein neues Leben ist gesünder als das alte, bei dem er in der Kantine aß und sich wenig bewegte. Auch ein Spaziergang durch den Frankfurter Zoo gehört für ihn zur täglichen Routine. „Ein Bergpapagei lässt sich schon von mir streicheln“, freut sich der Tierfreund.

Nachmittags geht er an die Sammlung, sichtet etwa derzeit 6500 Bücher mit Lithografien. „Wenn ich eine Kiste aufmache, ist das ein richtiges Abenteuer“, freut er sich. Feierabend macht er meistens, wenn seine Frau um 18 Uhr nach Hause kommt – allerdings hat er auch oft Termine am Wochenende. „Es ist ein anderer, positiver Stress“, lautet sein Resümee.

Immerhin gönnt er sich den Luxus, drei Monate im Jahr freizumachen. Dann liest er viel, besucht Museen, will weiter dazulernen. Und weil er immer noch Feuer und Flamme für die Kunst ist, möchte er auch nicht mit 65 aufhören. „Ich werde höchstens irgendwann meine Arbeit reduzieren.“ Sein Lieblingsphilosoph Adorno hat einmal gesagt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Volquardsen hat offenbar sein richtiges Leben im richtigen gefunden.

Alle Folgen der Serie „Mein neues Leben“ unter www.fnp.de/banker

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