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"Panama Papers": „Gier – sie wollen immer mehr“

Über die Enthüllungen durch die „ Panama-Papers“, die Folgen und Aufgaben für die deutschen Finanzbehörden sprach Matthias Thieme mit dem Bad Homburger Steuerexperten Frank Wehrheim.
Frank Wehrheim. Foto: (FNP) Frank Wehrheim.

Herr Wehrheim, ist Panama das neue Mekka der Steuerhinterzieher?

FRANK WEHRHEIM: Was manche an dem Fall noch nicht verstanden haben, ist: Panama ist nur der Sitz der Kanzlei und der Briefkastenfirmen. Es gibt aber Verzweigungen zu den Virgin Islands, den Seychellen, Singapur, Luxemburg, der Schweiz, den Cayman Islands, in viele Steueroasen der Welt. Oft liegt nur der Briefkasten in diesen Oasen. Und das Geld liegt tatsächlich in einem sicheren Land, weil die Leute panische Angst haben, ihr Geld tatsächlich in einem Land wie Panama liegen zu haben. Dort ist nur der Firmenmantel zur Verschleierung. Das Geld liegt dann sicher in der Schweiz. Und der Besitzer denkt, niemals entdeckt werden zu können.

Was ist denn neu an den Panama-Papieren?

WEHRHEIM: Was an diesem Fall spannend ist, ist der Umfang des Datensatzes. Jetzt ist interessant, was davon die Strafverfolgung erhält. Ich weiß, dass meine früheren Kollegen in der Steuerfahndung mit Spannung auf diese Dokumente warten. Im Moment müssen sie leider noch Zeitung lesen...

Die „Süddeutsche Zeitung“ will aber keine Unterlagen an Behörden herausgeben – kommen die Fahnder bald in die Zeitung und holen die Daten ab?

WEHRHEIM: Nein, keine Chance. Dafür gibt es in Deutschland keine Akzeptanz. Aber es gab früher schon gelegentlich sogenannte Wurfsendungen bei Steuerfahndungen. Das kam manchmal auch von Medien, zum Beispiel die Zumwinkel- und Batliner-Fälle. Das wurde nicht offen übergeben, aber irgendein beherzter Redakteur hat es der Behörde eben nachts in den Briefkasten geworfen. Einen Teil der Panama-Daten hat die Fahndung übrigens schon.

Es geht um 114 000 Briefkastenfirmen. Gibt es nicht auch legale Gründe, solch eine Firma einzurichten?

WEHRHEIM: Es gibt sehr wenige legale Gründe, die mir einfallen. Alle Briefkastenfirmen, die ich gesehen habe, waren für illegale Zwecke errichtet worden. Ich erinnere mich nicht an eine, die legal war. Mit viel Phantasie könnte man sich vorstellen, dass jemand mit viel Geld einem anderen Menschen Geld zukommen lassen will, mit dem er nicht verwandt ist, zum Beispiel einer Geliebten oder einem unehelichen Kind. Da könnte man mittels einer Briefkastenfirma jemandem außerhalb der Familie unbemerkt Geld zukommen lassen. Aber der Normalfall ist das nicht. Meistens geht es um Verschleierung. Zum Beispiel um Jachten und Privatjets, deren Besitzer nicht als solche erkannt werden wollen.

Ab welchem Vermögen lohnt sich eine Briefkastenfirma überhaupt?

WEHRHEIM: Das ist nichts für einen Handwerker und sein bisschen Schwarzgeld. Das lohnt sich nur in großen Dimensionen, weil die Kosten enorm sind. Das sind aufwendige Konstrukte, die sich für kleine Leute nicht lohnen. Unterhalb eines Millionenbetrags ist das uninteressant. Das Geld muss natürlich nicht auf einen Schlag eingezahlt werden, es können zum Beispiel auch Tranchen sein, die einer Firma schrittweise entzogen werden.

Bundesjustizminister Heiko Maas will ein Register schaffen, in dem die Begünstigten solcher Konstrukte genannt werden müssen – eine Lösung?

WEHRHEIM: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. In einigen Steueroasen könnte ein solches Register vielleicht etwas Transparenz bewirken. Aber ich glaube nicht, dass es im Ganzen viel verändern würde. Denn ein solches Gesetz wäre wahrscheinlich international nicht durchsetzbar. Die USA bekämpfen zum Beispiel Steuervermeidung international, lassen sie aber in Delaware, im eigenen Hoheitsgebiet, zu. Auch die Schweiz ist immer noch eine Steueroase. Und Großbritannien lässt Ähnliches wie in Panama auf den Cayman Islands geschehen. Deshalb würde die Steuerhinterziehungs-Karawane einfach weiterziehen.

Was kann dann überhaupt dagegen getan werden?

WEHRHEIM: Eine Bundessteuerfahndung wäre der erste Schritt in Richtung einer vernünftigen internationalen Zusammenarbeit von Fahndungsbehörden. Bislang gibt es keine gute europäische Zusammenarbeit der Fahnder. Helfen können auch Hinweisgeber. Warum wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren so viele Fälle entdeckt? Weil ein Finanzminister in Nordrhein-Westfalen im großen Stil Daten ankauft. Das wissen Hinweisgeber, zum Beispiel Mitarbeiter in Banken. Deshalb ist auch das Abkommen mit der Schweiz gescheitert. Es ist unnötig. Weil es immer wieder Hinweisgeber gibt, die große Datensätze an Medien und die Fahndung weitergeben. Ein sehr erfolgreiches Modell.

Warum gehen Politiker, Sportler und andere Prominente ein solch hohes Risiko für Image und Karriere ein, nur um einige Steuern zu hinterziehen?

WEHRHEIM: Die Antwort lautet: Gier. Das ist bei sehr vermögenden Menschen schwer nachvollziehbar. Aber Leute, die so etwas machen, wollen immer mehr. Das bringt jetzt Fußballspieler wie Messi in Bedrängnis und Staatschefs wie den isländischen Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson.

Was hat Sie als Fahnder an Steuerhinterziehern am meisten überrascht?

WEHRHEIM: Als wir in den 90er Jahren die Großbanken durchsucht haben, bin ich in einem Bankturm in Frankfurt mit dem Aufzug hochgefahren. Die Bank hatte damals einen Fahrstuhlführer mit Uniform, ein älterer Mann. Der sagte plötzlich ungefragt: Ich weiß, ihr seid von der Steuerfahndung. Macht sie fertig, diese Kerle. Ich gehe bald in Rente. Da stand ich überrascht im Aufzug und dachte: was ist diesem Mann widerfahren mit den Herren im Elfenbeinturm? Eine andere Erfahrung hatte ich in einer absolut reichen Wohngegend. Millionärshügel nannten wir so etwas. Wir durchsuchten das Schließfach eines sehr reichen Ehepaares. Sie hatten 80 Häuser vermietet, Geld ohne Ende. Als wir im Schließfach unversteuerte Tafelpapiere, Gold und Ähnliches fanden, fragte die Frau ganz ernst: Bin ich jetzt arm? Da habe ich auch überrascht und betreten geschwiegen.

Hinweis: Abdruck des Interviews mit freundlicher Genehmigung des „Hamburger Abendblattes“

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