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NSU: Kommentar: Aufklärung muss fortgesetzt werden

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Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe gestern vor dem Oberlandesgericht in München: Das Gericht stellte auch  die besondere Schwere der Schuld fest. Foto: Peter Kneffel (dpa-Pool) Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe gestern vor dem Oberlandesgericht in München: Das Gericht stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest.

Das Urteil gegen Beate Zschäpe ist absolut angemessen. Hoffentlich hat es nach der schon angekündigten Revision Bestand. Alles andere als im Wortsinn lebenslänglich wäre eine Verhöhnung der Opfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) und ihrer Angehörigen. Zwar gab es keinen letzten Beweis für die Mittäterschaft der Angeklagten Zschäpe bei den zehn NSU-Morden, aber die Last der Indizienkette für die Lebensgefährtin des Killer-Duos Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt war erdrückend.

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Zschäpe hatte von Anfang an die brutale Weltanschauung ihrer Komplizen geteilt, ist mit ihnen deshalb in den Untergrund gegangen und hat dort für den Anschein eines halbwegs unauffälligen Lebens gesorgt, den das Terror-Trio zur Tarnung brachte. Man kann es nur als bösen Witz bezeichnen, wenn Zschäpe behauptet, zwar von den Raubüberfällen gewusst und diese gebilligt, aber von den Morden immer erst später erfahren zu haben. Dass sie „den Uwes“ dann stets Vorwürfe gemacht hätte, klingt wirklichkeitsfremd und wenig glaubhaft, zumal die von Zeugen als durchaus selbstbewusst beschriebene Zschäpe anschließend bei den Mördern blieb, mit ihnen scherzte und, wie Fotos nahelegen, unbeschwert in den Urlaub fuhr.

Dagegen, dass sie die Morde verurteilte, spricht auch, dass Zschäpe vor Gericht niemals echte Reue zeigte. Und, dass sie nach dem Tod der Komplizen sogleich das berüchtigte Paulchen-Panther-Bekennervideo verschickte, dessen zynischen Inhalt sie kennen musste.

Bei dem Gerichtsverfahren ging es vor allem um die konkrete Mitschuld Zschäpes und einiger anderer, die bei dem Leben im Untergrund und der Waffenbeschaffung geholfen hatten. Dennoch bleibt enttäuschend, wie wenig das Gericht über das weitere Umfeld des NSU aufdecken konnte. Ähnlich wie einst bei der RAF bedarf ein jahrzehntelanges Leben im Untergrund einer Vielzahl von Helfern und Mitwissern. Vieles spricht dafür, das auch die Hinweise zumindest auf einige der Mordopfer, deren Aufenthalte für durchreisende Killer kaum aufspürbar gewesen wären, von jeweils ortskundigen Leuten kamen, die in München nicht vor Gericht standen.

Auch ist noch nicht aufgeklärt, wie sehr sich Verfassungsschützer und Behörden an der Mordserie mitschuldig gemacht haben, indem sie zur Zeit des Abtauchens des Nazi-Trios wichtige Spuren nicht verfolgten. Aus Schlampigkeit, weil sie Quellen schützen wollten oder gar Schlimmeres? Und bis heute wurde die Rolle des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme nicht geklärt, der sich in einem Kasseler Internet-Cafe am 6. April 2006 just zu dem Zeitpunkt aufhielt, zu dem der Inhaber Halit Yozgat getötet wurde. Reiner Zufall?

Außerdem muss weiter gefragt werden, warum die NSU-Bluttaten nach einer gewissen Zeit zwar unter dem Etikett „Döner-Morde“ zusammengedacht wurden, die Polizei aber statt krimineller Motive wie Geldwäsche oder Drogenhandel, die die Opfer ins Zwielicht rückten, offenbar nie systematisch die Möglichkeiten rechtsradikaler Motive untersuchte.

All diese Versäumnisse müssen jenseits der Frage nach der Schuld Zschäpes und ihrer Mitangeklagten noch einmal aufgearbeitet werden. Das ist der Rechtsstaat den Opfern, aber auch sich selbst schuldig. Für Gerechtigkeit und Aufklärung ist es nie zu spät. Der kürzlich verstorbene Regisseur Claude Lanzmann hatte seine Dokumentation „Shoa“ erst Jahrzehnte nach dem Holocaust angefertigt und damit noch viel bewegt.

dieter.sattler@fnp.de Berichte auf Seiten 1 und 3

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