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Heinrich Tischner erhält den Silberbarren der Stadt: Ginsheimer Weistum in guten Händen

Heinrich Tischner kann nicht nur eine Kirchengemeinde leiten, er überträgt auch historische Schriften ins heutige Deutsch – zur Freude der Stadt Ginsheim-Gustavsburger und des Heimat- und Verkehrsvereins, die ihn mit dem Silberbarren auszeichneten.
Heinrich Tischner mit dem Silberbarren der Stadt Ginsheim-Gustavsburg. Foto: (Daniela Hamann) Heinrich Tischner mit dem Silberbarren der Stadt Ginsheim-Gustavsburg.
Ginsheim-Gustavsburg. 

Für seine Übertragungen bisher nicht erschlossener historischer Texte aus geschichtlichen Archiven, wie das Ginsheimer Saalbuch von 1669, erhielt der pensionierte evangelische Pfarrer Heinrich Tischner am Donnerstag den Silberbarren der Stadt.

Heinrich Tischner wirkte von 1970 bis 2002 als Gemeindepfarrer in Leeheim und Erfelden, Groß-Zimmern, Georgenhausen und Gernsheim. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2002 kann er sich ganz seiner Leidenschaft widmen: Texte über Theologie, Sprache, Geschichte, Märchen und Sagen. Tischner hat dazu eigens eine umfassende Webseite eingerichtet. Dort stehen alle von ihm ins heutige Deutsch übertragene historischen Texte.

„Zum Schreiben kam ich schon als Pfarrer. Einer meiner Aufgaben war es, die Chronik der Gemeinde weiterzuführen“, erzählte Tischner. Dabei habe er Privilegien genossen: Zum einen konnte er auf die Aufzeichnungen seiner Vorgänger zurückgreifen. Zum anderen standen ihm die Türen zum Pfarrarchiv in Leeheim und Erfelden offen – die Schriftstücke reichten bis ins Jahr 1666 zurück.

Während seiner Zeit in Georgenhausen (1973–1993) beschäftigte er sich mit der dortigen Ortsgeschichte und veröffentlicht dazu einige Schriften. „So kam ich auch dazu, regionale mittelalterliche Quellen aus dem Original zu übertragen. Aus dieser Arbeit erwuchs der Geschichtsverein Georgenhausen-Zeilhard.“ Während seiner letzten Station vor der Pensionierung in Gernsheim habe er schließlich eine Festschrift zum Kirchenjubiläum der Gemeinde verfasst.

 

Juristendeusch schwer verständlich

 

Auf die Frage, wie er dazu kam, historische Texte über die Stadt Ginsheim aus dem alt- und mittelhochdeutschen zu übertragen, antwortete Heinrich Tischner: „Durch meine Cousine Heidi Guthmann.“ Die Familie Guthmann engagiert sich für den Heimat- und Verkehrsverein der Stadt.

Während des Studiums hat er zwar neben Latein, Altgriechisch und Hebräisch auch Frühneuhochdeutsch gelernt, doch nur Letzteres half ihm bei der Übertragung der Ginsheimer Texte. „Das meiste wurde hierbei in breit ausgewalztem barockem Juristendeutsch und Fachausdrücken verfasst, die ich nicht immer verstand“, erzählte der pensionierte Pfarrer. Was ihm in diesem Fall bei der Arbeit half: „Das Deutsche Wörterbuch von Grimm.“

Das Lesen der individuellen Handschriften ist nicht einfach. „Selbst die geübteste Hand ermüdet auf der zweiten Seite. Viele Einträge scheinen direkt bei einer Sitzung gemacht worden zu sein, das sieht man an Nachträgen am Rand oder zwischen den Zeilen“, erklärt Tischner. „Grundsätzlich hat man vieles mit besonderen Schnörkeln abgekürzt, die meist leicht zu deuten sind.“ Währungen gehörten nicht dazu. Die Umrechnung von Gulden, Albus und Pfennig war ihm besonders schwer gefallen. „Ein verworrenes Währungssystem mit unterschiedlichen Paritäten, dazu auch noch in Mainzer oder Frankfurter Währung und ab und zu auch in ,schlecht Geld’“, macht der Historiker das Dilemma deutlich.

Bei der Übertragung von Grundstücksangelegenheiten entdeckte Tischner sein Interesse für die Flurnamenforschung. Von den Ginsheimer Texten sei vor allem das Ginsheimer Saalbuch von 1669 interessant. Hierin sind Notizen über die Pfarrer der Gemeinde vermerkt, aber auch über vertriebene Calvinisten.

Darüber hinaus bearbeitete er das Ginsheimer Weistum von 1486, das Ginsheimer Schöffenweistum von 1495, das Ginsheimer Gerichtsbuch von 1592–1684 und das Ginsheimer Sendweistum von 1521.

Warum ist es für die Nachwelt wichtig, historische Texte verstehen zu können? „Der praktische Grund ist, wir können von der Geschichte viel lernen. Der pädagogische Grund ist, die Geschichte zeigt uns, wie wir es gesellschaftlich besser machen können. Der moralische Grund ist, Geschichte hilft uns dabei, unsere heutigen Werte zu hinterfragen. Letztlich habe ich einfach die Gabe, alte Handschriften lesen zu können.“

Bürgermeister Thies Puttnins-von Trotha würdigte die Übertragungen Tischners als „sehr wertvoll“, er hoffe, auch in Zukunft mit dem passionierten Historiker zusammenarbeiten zu können.

Der Stadtschreiber und zweite Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins, Benno Hauf, kündigte an, die Texte bald der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen.

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