E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Usingen 32°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Sitzungspräsident: Hans-Joachim (Hajo) Kunz: „Zur Fassenacht gehört die politische Rede“

Hans-Joachim (Hajo) Kunz ist Sitzungspräsident beim Flörsheimer Carneval Verein (FCV). Die sieben FCV-Fremdensitzungen werden alljährlich von Tausenden Fastnachtsbegeisterten besucht. HK-Mitarbeiter Sascha Kröner hat sich mit dem leidenschaftlichen und erfahrenen Fassenachter über die Entwicklung närrischer Vorträge in der heutigen Zeit unterhalten.
Er führt alljährlich durch die FCV-Fremdensitzungen: Hajo Kunz. Er führt alljährlich durch die FCV-Fremdensitzungen: Hajo Kunz.
Flörsheim. 

Herr Kunz, einem Büttenredner bietet sich derzeit eine kaum noch überschaubare Fülle an Themen. Von Trump bis zur Flüchtlingskrise, vom Brexit bis zur deutschen Regierungsbildung reichen die interessanten Geschehnisse. Da stellt sich doch sicher die Frage, wo man überhaupt anfangen soll. Ist so viel Auswahl für Narren eher ein Fluch oder ein Segen?

HANS-JOACHIM KUNZ: Das ist natürlich brillant. So etwas ist für uns ein gefundenes Fressen. Das Schlimme ist nur, wenn Sachen direkt nach der Kampagne passieren. Das war zum Beispiel damals mit Tebartz van Elst der Fall. Für uns Fastnachter ist das dann immer schlecht. Natürlich ist es besser, wenn etwas noch vor der Kampagne oder mittendrin passiert.

 

Hält man sich solche Themen, die weit vor den Sitzungen aufkommen, dann ein Jahr lang warm?

KUNZ: Nein, das sind oft Sachen, die nach ein oder zwei Monaten wieder vergessen sind. Nehmen Sie zum Beispiel die Jamaika-Koalition. Wenn es bei den laufenden Gesprächen über die große Koalition zur Einigung kommt, ist Jamaika nur noch ein Randthema. Trump wird allerdings bleiben. Oder die ganze Türkei-Geschichte.

Ja, manche Themen überdauern. Aber wir kommen zu einer grundlegenden Frage: Was macht ein gesellschaftliches oder politisches Ereignis überhaupt zum idealen Fastnachtsthema?

KUNZ: Es muss etwas sein, worüber man auch lachen oder schmunzeln kann. Es darf also nicht zu ernst sein. Ich habe allerdings auch gesagt, dass Deniz Yücel in diesem Jahr rein muss, weil er ein gebürtiger Flörsheimer ist. Das ist zwar ein emotionales Thema, aber so etwas geht auch mal. Es darf nur nicht zu abgelutscht sein. Bei den Haaren von Angela Merkel habe ich früher immer gesagt: Das Thema ist durch.

Man versucht also nicht immer das Offensichtliche durch den Kakao zu ziehen, sondern auch mal eine Nische zu finden?

KUNZ: Das ist wie diese Lästerei über Wicker und Weilbach. Das selbe Prinzip gibt es ja auch in anderen Orten, und es ist immer eine sichere Pointe. Aber ich kann es einfach nicht mehr hören. Irgendwann ist das dann auch durch. Solange gelacht wird, wird das aber irgendwo auch noch weiter gemacht werden.

Muss man als Büttenredner eigentlich darauf achten, seine Themen zu gewichten? Wenn ich Merkel kritisiere, kriegt dann als Ausgleich auch Schulz etwas ab?

KUNZ: Ich mache das so, aber es gibt auch andere Redner, die das nicht machen. Beim FCV achten wir über die ganze Sitzung darauf, dass es einigermaßen ausgeglichen ist und natürlich auch darauf, dass sich keine Themen wiederholen.

Es gibt sicher auch schwierige Themen oder Fettnäpfchen, auf die man aufpassen muss.

KUNZ: Wenn jemand persönlich anwesend ist, würde ich mich schwer tun. Vor Jahren war der ehemalige Minister Jochen Riebel in Flörsheim sehr unbeliebt. Es wurde gepfiffen, während er im Publikum saß. Da habe ich dann ganz schnell die Luft raus genommen. So etwas gehört sich auch nicht. Man kann Leute auf den Arm nehmen, aber irgendwo ist eine Grenze.

Dabei könnten Sie oft schon im Vorfeld einschreiten. Haben Sie als Sitzungspräsident Einfluss auf die Inhalte der Vorträge?

KUNZ: Ja, dieses Recht nehme ich mir raus. Es kam bisher aber noch nicht oft vor, weil unsere Redner ein relativ gutes Gespür haben, was geht und was nicht. Aber zwei- bis dreimal habe ich schon gesagt: Leute das kommt so nicht auf die Bühne. Die Aktiven halten sich dann auch daran, weil sie wissen, dass es sonst ihr letzter Auftritt war. Die meisten haben ein gutes Gespür. Früher hat man sich da allgemein schwerer getan. Als in den siebziger Jahren Herbert Bonewitz zum ersten Mal ,Arschloch’ oder ,Scheiße’ gesagt hat, da haben alle Zuschauer betreten unter sich geguckt. Heute zuckt keiner mehr. Sogar ,Ficken’ geht schon mal – wenn es passt. Wer die rote Linie nicht kennt, wird aber schnell merken, dass ein bestimmtes Publikum nicht mehr kommt.

Ich nehme an, mit politischen und kritischen Vorträgen trifft man ohnehin nur den Geschmack eines bestimmten Publikums.

KUNZ: Es gibt viele, die können damit gar nichts anfangen. Die wollen einfach nur Kokolores. Aber gerade zur Mainzer Fassenacht gehört natürlich die politische Rede. Auf manchen Sitzung wird sie allerdings auch wieder weniger.

Im FCV-Programm findet man viele aktuelle Bezüge. Es fällt allerdings auf, dass es meistens nur wenige Flörsheimer Themen gibt. Liegt das auch am Publikum?

KUNZ: Ja, das Publikum spielt die entscheidende Rolle. Wir haben mal versucht die Besucherverteilung zu schätzen, und sind darauf gekommen, dass zwischen 15 und 20 Prozent Flörsheimer im Saal sind. Der Rest dürfte von außerhalb kommen. Deshalb sind wir bei den Themen etwas breiter aufgestellt. Wir haben Leute, die kommen aus Hamburg oder Berlin. Die interessiert es nicht, ob irgendwelche Schlaglöcher in der Grabenstraße sind.

Wie lange sind Vortragsthemen eigentlich aktuell? Mir ist aufgefallen, dass der FCV-Protokoller in der Vorwoche andere Themen eingebaut hatte, als noch beim Kampagnen-Start im November.

KUNZ: Also, dass der Protokoller nach dem 11. 11. noch die Hälfte ändert, ist ganz normal. Für jemanden, der das Handwerk beherrscht, ist das auch kein Problem.

Das heißt: Wenn eine Woche vor der Sitzung etwas Aufregendes passiert, wird es noch eingebaut?

KUNZ: Das kann auch einen Tag vorher sein. Gereimt ist das schnell. Und wenn eine Idee da ist, kann man die noch kurzfristig rein bringen. Die Ergänzungen liest man dann halt ab. Erfahrene Redner wie Bernhard Knab bauen sogar noch das Fußball-Ergebnis vom Mittag ein. Bei uns werden Themen eigentlich von der ersten bis zur letzten Sitzung aktualisiert. Zumindest im Protokoll.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen