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Ende einer Ära: Am Samstag schließt die letzte Videothek in Limburg

An diesem Samstag ist es so weit, dann schließt die letzte Videothek Limburgs in der Westerwaldstraße ihre Pforten. Über die zuletzt übermächtige Konkurrenz durch das Internet, die zunehmende Bequemlichkeit der Leute sowie ein verlorenes Lebensgefühl sprach Betreiber Michael Fuchs mit dieser Zeitung.
Bis zum Samstag muss alles raus: Inhaber Michael Fuchs verkauft Filme und Einrichtung der letzten Limburger Videothek. Fotos (2): Johannes Koenig Bilder > Foto: Johannes Koenig Bis zum Samstag muss alles raus: Inhaber Michael Fuchs verkauft Filme und Einrichtung der letzten Limburger Videothek. Fotos (2): Johannes Koenig
Limburg. 

Nein, sauer aufs Internet ist Michael Fuchs nicht, dabei hätte er eigentlich allen Grund dazu. Denn nach 30 Jahren im Videogeschäft schließt er zusammen mit seiner Frau die letzte Videothek Limburgs. Von Trübsinn ist in den Räumlichkeiten an der Westerwaldstraße aber gar nichts zu spüren. In einer Ecke vor dem Eingang liegt noch ein Berg offener Kartons. „Wir haben gerade Lagerware bekommen, die wir jetzt verkaufen“, erklärt Fuchs. Und die Nachfrage ist eindeutig da. Während des Gesprächs öffnet sich immer wieder die Eingangstür. „Wir haben noch geschlossen. Kommen Sie um 16 Uhr wieder“, weist er die Kunden freundlich auf die letzten Öffnungszeiten hin.

„Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Man kann die Digitalisierung nicht aufhalten“, gibt sich Michael Fuchs pragmatisch. Denn per Stream werden Filme und Serien direkt ins heimische Wohnzimmer geliefert. Die Leute seien bequem: „Heutzutage kann man sich alles zum Leben nach Hause liefern lassen, ohne einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen.“ Daher sei das Schicksal seiner Videothek auch symptomatisch für den Limburger Einzelhandel.

Keine Zeit mehr für Beratung

Allerdings mit einem Unterschied: Wo viele Ladengeschäfte darunter leiden, dass Kunden sich erst ausführlich beraten lassen, nur um dann billiger im Internet einzukaufen, war zuletzt auch die Filmberatung nicht mehr gefragt. „Die Zeiten sind inzwischen so schnelllebig, die Leute haben gar keine Zeit mehr für eine Beratung.“ Nur bei den Stammkunden sprach das Videothekenteam noch Empfehlungen aus. Die anderen kamen nur kurz rein, schauten, ob ihnen etwas gefällt, und waren dann auch wieder verschwunden. „Die Ironie ist, dass die Streamangebote sogar teurer sind. Denn im Gegensatz zu uns bezahlt man dort Abo- und Leihgebühren.“

Früher war der Gang in die Videothek noch ein Erlebnis. Man ist zusammenkommen, hat ein „Käffchen“ getrunken und über Filme geredet. „Das war unser gemeinsamer Nenner“, betont Michael Fuchs. Seit 2005 habe seine Videothek aber rund 70 Prozent an Umsatz verloren. Besonders dramatisch war der Rückgang in den letzten zwei Jahren. „Da haben wir nur noch verwaltet. Das hat keinen Spaß mehr gemacht.“

Einen Niedergang, für den er auch die Industrie verantwortlich macht. Denn der käme das Schrumpfen der ursprünglichen Auswertungskette, bestehend aus Kino, Videothek, dem Einzelhandel und schließlich den Streamingdiensten sowie dem Fernsehen, gar nicht so ungelegen. Anstatt den Erlös mit zahlreichen Partnern teilen zu müssen, könnten die Filme nun per Videostream von einem Zentralrechner aus vermarktet werden. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Einzelhandel noch großartig Geld mit DVDs verdient.“ Was auch mit einem Mentalitätswandel der jüngeren Generationen zu tun hat.

„Avatar“ ein Quantensprung

„Die Älteren wollen noch das haptische Erlebnis, einen Gegenwert fürs Geld tatsächlich in der Hand halten. Die Jüngeren brauchen das nicht mehr.“ Die goldene Ära der Videotheken lag zwischen Mitte der 80er und Ende der 2000er Jahre. Was aber waren nun die begehrtesten Filme? In der jüngeren Vergangenheit „Avatar“, lautet die Antwort. „Das war ein technischer Quantensprung.“ Noch früher waren es die Terminator- sowie Stallone- und van-Damme-Filme. Eine Nachfrage, die durch die strengen deutschen Jugendschutzregelungen befördert wurde. „Wir hatten Filme, die es ungeschnitten sonst nirgendwo anders gab, weder im Kino noch im Einzelhandel.“

Um die eigene wirtschaftliche Zukunft ist es Michael Fuchs erst einmal nicht bange. „Uns gehört die Immobilie, sonst hätten wir das auch gar nicht so lange durchgehalten.“ Und einen Nachmieter für die Räume hat er auch bereits: „Hier kommt ein türkisches Lebensmittelgeschäft rein.“ Der neue Mieter habe reichlich Erfahrung auf dem Gebiet und wolle stark in den neuen Standort investieren. Für die Stammkunden ist das alles aber erst einmal kein Trost – da sind durchaus auch Tränen geflossen.

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