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Erzählcafé: Als die Särge mit dem Moped kamen

Schreiner, Tischler, Wagenbauer oder Zimmerleute – Frickhofen war im 20. Jahrhundert reich an holzverarbeitenden Handwerksbetrieben. Über die Geschichten ihrer Vorfahren, Lehrjahre und die Arbeit im eigenen Betrieb sprachen die Schreinermeister Erich Schneider, Peter Staudt und Bruno Schmidt beim vierten Erzählcafé des Frickhöfer Kultur- und Geschichtsvereins.
Sie haben viel zu erzählen: Erich Schneider, Bruno Schmidt und Peter Staudt (von links) berichteten aus ihren Betrieben. Foto: Kerstin Kaminsky Sie haben viel zu erzählen: Erich Schneider, Bruno Schmidt und Peter Staudt (von links) berichteten aus ihren Betrieben.
Frickhofen. 

„Inzwischen führe ich das Geschäft in der fünften Generation“, ist Erich Schneider (71) stolz. Eine Gründungsurkunde sei zwar nicht mehr aufzufinden, doch ein Ehrenbrief zum 100. Geschäftsjubiläum lege nah, dass Franz Ignatz Schneider seinen Betrieb im Jahr 1848 eröffnet hat. Auch ein altes Quittungsbuch ist noch vorhanden, in dem alle Zahlungen der Schreinerei an Steuern und Wassergeld zwischen 1899 und 1956 eingetragen sind. Aber Zahlen und Fakten stehen beim Erzählcafé des Frickhöfer Kultur- und Geschichtsvereins sowieso nicht im Vordergrund. Es geht um die Geschichten dahinter. Und davon hat Erich Schneider eine Menge zu erzählen – genau wie seine Kollegen

Aus der Werkstatt seines Vaters besitzt Peter Staudt noch Vorlagen für Schnitzarbeiten. Bild-Zoom Foto: Kerstin Kaminsky
Aus der Werkstatt seines Vaters besitzt Peter Staudt noch Vorlagen für Schnitzarbeiten.

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„Kaum vorstellbar für einen Bauherrn von heute sind wohl die Preise, die hier auf einer alten Rechnung stehen“, sagte Erich Schneider lachend und reichte ein Dokument vom 8. November 1908 in die Runde. Es beziffert detailliert, was ein gewisser Herr Stahl für die Holzarbeiten seines neuen Hauses in der Langendernbacher Straße aufwenden musste: 13 Fenster inklusive Fensterbänke kosteten zusammen 273 Mark, die 17-stufige Treppe in den ersten Stock war mit 102 Mark veranschlagt, die etwas schmalere in den zweiten Stock mit 85 Mark. Ein Holzboden war für 40 Pfennig pro Quadratmeter zu bekommen. Der Gesamtbetrag für Neubauprojekt summierte sich auf 677 Mark, die auch prompt bezahlt wurden, wie der Quittungsvermerk auf der Rechnung zeigt.

„Damals hieß die Schreinerei „Gebrüder Schneider“ und das Zerwürfnis von Toni und Josef am Ende der 1920er Jahre gehört zu den Dramen der Firmen- und Familiengeschichte. „Zum Glück haben sich die beiden Zweige später wieder versöhnt“, erzählte Erich Schneider.

Peter Staudt (75), dessen auf den Innenausbau von Krankenhäusern und Behörden spezialisierter Betrieb inzwischen vom Sohn weitergeführt wird, erinnerte beim Erzählcafé an die Lehrjahre seines Vaters in den 1920er Jahren bei Meister Fasel, der aus Guckheim stammte. Deshalb hätte die Schreinerei auch immer wieder Aufträge in Guckheim angenommen. Das hatte auch Konsequenzen für den Lehrjungen: Sein Vater habe damals oft neun Kilometer zur seinem Einsatzort und auch wieder zurück laufen müssen, berichtete Peter Staudt. Kaum hielt Georg Staudt seinen Gesellenbrief in Händen, begann er im heimischen Schuppen auf eigene Rechnung zu schreinern und legte bald auch seine Meisterprüfung ab. Ab 1935 arbeitete Georg Staudt unter anderem bei den Heinkel-Werken als Modellschreiner für den Flugzeugbau. Nach dem zweiten Weltkrieg begann er mit den Aufbau einer ansehnlichen Werkstatt in Frickhofen. „Dort habe ich mir schon als kleiner Bub die Finger blau gehauen“, sagte Peter Staudt schmunzelnd. Die Leidenschaft für den Baustoff Holz habe ihn seither nie wieder verlassen.

Bruno Schmidt (83) plauderte aus seinen Lehrjahren in der Nachkriegszeit. Sein Ausbildungsbetrieb, die Fa. Alfons Schneider, schreinerte damals auch Särge. Dieser Tatsache sei es übrigens zu verdanken, dass amerikanische Soldaten gleich wieder kehrt machten, sobald sie einen Blick auf die Werkstücke geworfen hatten – und sich nicht ein einziger dort einquartieren wollte.

Holztapete

„Edelhölzer waren damals nicht zu kriegen, also kauften wir dicke Pappeln für den Sargbau“, erinnerte sich Schmidt. Um dem hellen Holz eine angemessene Erscheinung zu verpassen, seien die Särge dann im wahrsten Sinne des Wortes in dunklem Holzdekor tapeziert worden. Und dann ließ Bruno Schmidt vor dem inneren Auge seiner Zuhörer ein skurriles Bild entstehen: „Ich hatte damals eine Zündapp mit Beiwagen. Auf diesem Motorrad haben wir Särge im ganzen Westerwald ausgefahren“, erzählte der Senior.

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