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Fachkräftemangel: Handwerk als Herzenssache

Von Das Handwerk und besonders der Baumarkt boomen wie seit Jahren nicht mehr – und doch klagt die Branche über chronischen Fachkräftemangel. Denn die meisten Schulabgänger, so scheint es, wollen heute zum Studieren an die Uni. Dabei gibt es Beispiele dafür, wie das Handwerk bei jungen Menschen punkten kann – etwa in einer Schreinerei in Mühlheim.
Kreis Offenbach. 

Dem Handwerk geht es so gut wie seit Jahren nicht – doch der Boom hat auch seine Schattenseiten. Denn Betriebe tun sich schwer damit, Mitarbeiter zu finden und junge Menschen für den Beruf zu begeistern. Auch der Kreis Offenbach ist nicht verschont von Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel.

Etwa ein Viertel der mehr als 1000 ausbildenden Betriebe in der Region, so schätzte zuletzt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, könnten Lehrstellen nicht besetzen, Und der für Standortpolitik zuständige IHK-Geschäftsführer Frank Achenbach spricht von einem „enormen Fachkräftemangel“: Bis zum Jahr 2025 fehlten allein in Stadt und Kreis Offenbach 8000 qualifizierte Kräfte

Stärkere Verzahnung

Als Ursachen dafür nennt Patricia Borna, Pressesprecherin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, gegenüber dieser Zeitung zum einen den demografischen Wandel, zum anderen die Tendenz zur akademischen Laufbahn: „Noch immer ist es so, dass Elternhäuser und Schulen den Unentschlossenen oft empfehlen, eine akademische Laufbahn zu beginnen, obwohl ihre Neigungen und Talente vielleicht woanders liegen“, sagt sie.

Dass das Handwerk bei vielen jungen Leuten ein Image-Problem hat, bedauert Borna, denn: „Es bietet Perspektiven für Absolventen aller Schulformen, auch für Abiturienten – gerade auch im Bezug auf den digitalen Wandel.“ Meist wüssten die jüngeren Generationen „einfach zu wenig über die spannenden Möglichkeiten, die sich im Handwerk bieten – etwa im Hinblick auf die Existenzgründung“. Auch die vermeintlich schlechtere Bezahlung im Handwerk beruhten auf einem Missverständnis, denn: „Die Verdienstmöglichkeiten sind teilweise nachweislich besser als in akademischen Berufen. Das versuchen die Ausbildungsberater immer wieder deutlich zu machen.“

Um den Nachwuchssorgen zu begegnen, setze die Handwerkskammer laut Borna unter anderem auf eine stärkere Verzahnung von Schule und Wirtschaft. So habe die Ausbildungsberatung der Kammer einen Mitarbeiter, der als Gesprächspartner zur Verfügung stehe, sowie Ausbildungs- und Praktikumsplätze in der Region vermittele. „Außerdem gehen wir stärker dorthin, wo die Zielgruppen sind: Soziale Netzwerke oder WhatsApp.“ Mit Erfolg, wie Borna sagt: „Die Bekanntheit des Handwerks konnte nachweislich gesteigert werden.“

Lehrling mit Lust auf Holz

Auch Wolfgang Kramwinkel, Vorsitzender Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft, sieht ein großes Problem in der zunehmenden Zahl der Studierwilligen: „Viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder eine akademische Ausbildung und sehen im Handwerk nicht die Zukunftschancen für ihre Kinder.“ Für ihn „eine ganz falsche Einstellung, wenn man sieht, was mit einer Handwerkslehre beginnen kann: etwa Meister oder Betriebswirt im Handwerk oder eine Techniker-Ausbildung.“ Außerdem, so Kramwinkel, biete sich auch nach erfolgreicher Meisterprüfung noch die Chance, ins Studium einzusteigen.

Kramwinkel weiß, wovon er spricht – auch als Geschäftsführer der Heinrich Kramwinkel GmbH, einem modernen Familienunternehmen in Mühlheim, das auf Schreinerei-Innenausbau spezialisiert ist. Einer seiner fünf Lehrlinge, Matthias Nöth aus Obertshausen, ist ein Beispiel dafür, dass das Handwerk sehr wohl Strahlkraft für junge Menschen haben kann.

Denn der 26-Jährige im ersten Lehrjahr fand als Quereinsteiger zum Handwerk: „Ich habe bis 2017 acht Jahre als Industriekaufmann gearbeitet“, berichtet der Mann mit dem markanten Bart. Irgendwann habe er Praktika und Probearbeiten bei Schreinereien in der Gegend gemacht, „um herauszufinden, ob das wirklich etwas über mich ist. Dann habe ich mich nach zwei Wochen Probearbeiten hier bei der Firma Kramwinkel beworben – und wurde genommen“.

Jetzt bohrt und schraubt er mit Leidenschaft, furniert Pressspanplatten, schneidet an der großen Plattensäge Werkstoff- und Vollholzplatten auf Maß und arbeitet routiniert mit der Kantenanleimmaschine. Nöth lobt die „gute Atmosphäre“ in seinem Betrieb. Und freut sich über die Möglichkeiten, an den eigenen Fähigkeiten gezielt zu arbeiten: So gebe der Meister oder der ihm zugeteilte Geselle zwar den Plan für den Tag vor. „Aber wenn du damit fertig bist, kannst du auch mal zum Üben an die Säge, um etwa Holzverbindungen zu sägen – einfach das machen, wo du dich noch verbessern möchtest.“

„Bin meinem Traum gefolgt“

Doch warum der ungewöhnliche Umweg über den Industriekaufmann? „In der Schule hatte ich null Ahnung, was ich machen wollte“, erinnert sich Matthias Nöth. Dann bot eine ortsansässige Firma Bewerbungs- und Einstellungstests an – auch zum Industriekaufmann. „Ich hatte keine Praktika gemacht oder mich anderswo orientiert, also griff ich einfach zu.“ Es sei die nächstbeste Wahl gewesen, keine Herzenssache.

Doch ein guter Freund bemerkte seine handwerkliche Begabung und ermutigte ihn zum Quereinstieg. Der sei mit 26 Jahren laut Nöth nur deshalb möglich gewesen, „weil ich noch keine Kinder und Familie zu versorgen habe. Ich wohne bei meinen Eltern, die übrigens auch hinter meiner Entscheidung stehen.“ Nach drei Jahren möchte er bei der Firma Kramwinkel seine Gesellenprüfung ablegen. Danach kann er sich entweder zum Industriefachwirt ausbilden lassen oder die Meisterprüfung machen. Auch wenn er bei der Entlohnung im Vergleich zu seinem Job als Industriekaufmann Abstriche machen müsse – „wie in anderen Handwerks-Lehren auch“ – so ist er sich doch sicher: „Ich bin meinem Traum gefolgt. Und das fühlt sich richtig an.“

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