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Infotafeln und Gewächs: Ein Mandelbaum als Mahnung

Zwei informative Schilder und ein rosa blühender Mandelbaum bereichern seit Samstag die S-Kurve in der Langgasse in Mörfelden. Hinter dem Baum steckt eine bewegende Geschichte.
David New (links) und Bürgermeister Heinz-Peter Becker vollzogen in der Langgasse gemeinsam die symbolische Pflanzung des Mandelbaums . David New (links) und Bürgermeister Heinz-Peter Becker vollzogen in der Langgasse gemeinsam die symbolische Pflanzung des Mandelbaums .
Mörfelden-Walldorf. 

Der Mandelbaum hat im Judentum eine hohe symbolische Bedeutung. Er steht als Zeichen für die Erfüllung der Worte Gottes sowie für die Erneuerung und den Frühlingsbeginn. Neben seiner Schönheit steht er aber mit seiner Empfindlichkeit gegenüber Frost auch für die Verletzlichkeit des Lebens. Seit Samstag bereichert ein rosa blühender Mandelbaum die Langgasse in Mörfelden. Im Umfeld der einstigen Mörfelder Burg siedelten die ersten jüdischen Einwohner des Ortes. Für das Jahr 1611 kann der erste jüdische Einwohner nachgewiesen werden. Daher eignet sich für den Mandelbaum wohl kein anderer Standort so gut, wie die Langgasse im Stadtkern von Mörfelden. Neben dem Mandelbaum wurde ein Schild angebracht, das an die jüdische Familie Schott erinnert, die von den Nazis verfolgt wurde und aus Deutschland fliehen musste. Zudem ist auf dem Schild ein bewegendes Gedicht von Schalom Ben-Chorin angebracht.

Bewegende Zeremonie

Den Anstoß zur Baumpflanzung gab der Amerikaner David New. Er wollte gerne in Mörfelden im Andenken an seine Familie, die Familie Schott, einen Baum pflanzen. Die Stadt und Cornelia Rühlig, Leiterin des Heimatmuseums Mörfelden, unterstützten ihn dabei und schlugen den zentralen Ort in der Langgasse vor. Der Amerikaner war mit seiner Freundin extra nach Deutschland gereist, um an der Baumpflanzung teilzunehmen. Zu der bewegenden Zeremonie waren sehr viele Menschen gekommen, teils säumten bis zu 100 Interessierte die S-Kurve in der Langgasse.

Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) begrüßte den amerikanischen Gast unter dem herzlichen Applaus des Publikums. Musikalisch wurde die Veranstaltung von der evangelischen Kantorei Walldorf mit gefühlvollen Melodien mit Bezug zur jüdischen Geschichte begleitet. Im Anschluss an Bürgermeister und Musik erläuterte Cornelia Rühlig die Geschichte von Mörfelden mit seiner langen jüdischen Tradition, die im nationalsozialistischen Deutschland brutal zerstört wurde.

Die ersten jüdischen Familien siedelten sich bereits im 17. Jahrhundert in Mörfelden an, sie waren sogenannte „Schutzjuden“. Der damalige Landgraf stand ihrer Ansiedlung aus fiskalischen Aspekten positiv gegenüber und schützte sie. Für Juden gab es eine separate Rechtsordnung. Es sollte bis 1848 dauern, bevor Juden die gleichen Rechte wie Nichtjuden erhielten. Vorher war ihnen etwa Zugang zu handwerklichen Berufen und Zünften verwehrt, sie wurden beruflich auf Handel und Geldverleihung beschränkt. Nun erinnert in der Langgasse ein Schild an die traditionsreiche Historie der Jüdischen Gemeinde in Mörfelden und an die Geschichte der Mörfelder Burg.

Die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung wurde im Nazi-Deutschland seit 1933 brutal zerstört, Juden verloren nach und nach alle Rechte. Die Nationalsozialisten betrieben eine grausame Ausgrenzungspolitik, die schließlich zum staatlich organisierten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas führte. Auch Teile der weit verzweigten Familie Schott wurden ermordet.

Von den Nazis ermordet

Der Mörfelder Zweig der Familie war im Ort sehr angesehen. Doch ab 1933 wurde die Familie ausgegrenzt, darunter Großvater und Vater von David New. Schließlich verließ die Familie zunächst Mörfelden und 1938 Deutschland in Richtung USA. Andere Zweige der Familie blieben in Deutschland und wurden von den Nazis ermordet. Wieder andere Teile der Familie emigrierten nach Südamerika. In seiner bewegenden Rede schilderte New seine Familiengeschichte: „Ich bin glücklich, dass so viele von Ihnen heute gekommen sind. Das hätte vor allem meinen jüngst verstorbenen Vater sehr gefreut.“

News Vater hatte Deutschland 1984 zum ersten Mal wieder besucht und war überrascht, wie freundlich er damals aufgenommen wurde. New selbst wartete bis 2016, bevor er das Land besuchte, das in der NS-Zeit Teile seiner Familie ermordet hatte. Vater und Großvater hatten ihre Heimat Deutschland sehr geliebt und litten daher besonders unter der grausamen Behandlung durch die Nazis. New betonte: „Der Baum ist wichtig als Erinnerung, die schreckliche Vergangenheit darf nicht vergessen werden. Er ist aber auch wichtig für Gegenwart und Zukunft. Der Baum ist eine Mahnung an die Lebenden, zu was Rassismus, Antisemitismus und die Ausgrenzung von Menschen führen können.“

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