E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Usingen 30°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

„Die sollen vor ihrer eigenen Tür kehren“: Stadt ermahnt Bürger, ihre Büsche zu schneiden, kommt jedoch auf ihren eigenen Grundstücken nicht nach

Von Wer im Glashaus sitzt . . . könnte man denken, wenn man die Geschichte vom Vorgarten des Ehepaars Kraus aus Ober-Erlenbach und vom Vorgehen der Stadt liest.
Wegen sprießenden Unkrauts auf dem Weg und hängenden Zweigen dieser Cotoneaster-Hecke bekam Winfried Kraus einen Mahnbrief von der Stadt. Wegen sprießenden Unkrauts auf dem Weg und hängenden Zweigen dieser Cotoneaster-Hecke bekam Winfried Kraus einen Mahnbrief von der Stadt.
Ober-Erlenbach. 

Cotoneaster ist ein Bodendecker, der sich gut für Vorgärten eignet. Er sieht ordentlich aus, aber nicht zu wild. Auch Wilfried Kraus und seine Frau haben die Zwergmispeln im Vorgarten. Als das Paar vor wenigen Tagen aus dem Urlaub kam, habe die Hecke „gesprießt wie verrückt“, wie der Ober-Erlenbacher berichtet – kein Wunder bei dem feucht-warmen Wetter. Umgehend machte sich der Senior daran, die Triebe zu stutzen und auch das Unkraut zwischen den Pflastersteinen auf dem Gehweg vor seinem Haus zu entfernen. Vorher und nachher machte er ein Bild mit seiner Digitalkamera.

Wenige Meter weiter auf der Straße „Am Nussgrund“ kommt ein städtisches Grundstück, das in diesem Zustand ist. Hier wächst das Unkraut offensichtlich schon länger. Bild-Zoom
Wenige Meter weiter auf der Straße „Am Nussgrund“ kommt ein städtisches Grundstück, das in diesem Zustand ist. Hier wächst das Unkraut offensichtlich schon länger.

Später sollte er noch oft auf die Bilder schauen – und weitere von anderen Stellen seiner Straße „Am Nussgrund“ machen. Denn am Tag nach der Heimkehr hatte das Ehepaar Post von der Stadt. Als Kraus sie öffnete, konnte er nicht glauben, was er da las. Absender war „Der Oberbürgermeister als Ordnungsbehörde – Sicherheit und Ordnung“. Die Behörde teilte ihm mit, sie habe bei einer Kontrolle feststellen müssen, „dass die Anpflanzungen in den öffentlichen Verkehrsraum hineingewachsen sind und der Gehweg nicht regelmäßig gereinigt wird“. Damit lägen „Verstöße gegen das Hessische Straßengesetz (HStrG) vor, da die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs beeinträchtigt wird“. Wegen der Behinderungen könne sich „ein Unfall ereignen“.

Auch seine 85 Jahre alte Nachbarin hat solch einen Brief bekommen; sie soll einen Magnolienbaum zurückschneiden, der sich in drei Metern Höhe über den Gehweg erstreckt. Kraus: „Ihr verstorbener Mann hat ihn noch gepflanzt.“

Das Ehepaar Kraus lebt in diesem Haus seit 43 Jahren, stets habe er Weg und Vorgarten gepflegt, beteuert der Senior. Als er Rückenschmerzen bekam, habe er sich eine Kehrmaschine zugelegt, mit der er im übrigen nicht nur vor seiner eigenen Tür kehre, sondern all die Jahre schon auch den Weg vorm Nachbargrundstück, das der Stadt gehöre. Dort nämlich sprießt das Unkraut noch viel ungehemmter als vor Kraus’ Tür. Auch welke Blätter kehrt Kraus dort weg, „so weit das Kabel reicht“. Dass die Stadt deshalb ein Auge zudrückt, war nicht zu erwarten. Dass sie jedoch derart pedantisch einen Beschwerdebrief schreibt, dafür hat Wilfried Kraus kein Verständnis. „Warum machen die so ein Theater?“, fragt er. Und wundert sich, dass das Ordnungsamt offenbar so viel Personal habe, dass zwei Mitarbeiter eine so ruhige Straße auf Unkraut hin inspizieren – die hat Kraus vom Fenster aus beobachtet.

Rathaussprecherin Anke Krieger beruft sich auf das HStrG. „Der Bewuchs darf nicht auf die Straße ragen“, erklärt sie. Möglicherweise hätten sich andere Anwohner beschwert, was sie aber nicht verifizieren könne. Dann jedenfalls müsse die Stadt tätig werden. Wegen des Nachbargrundstücks habe sich die Verwaltung übrigens selbst abgemahnt. Die Firma, die sich im Auftrag der Stadt um die Pflege des Straßenbegleitgrüns kümmert, komme ihren Pflichten nicht nach; in Kürze werde per Ausschreibung eine neue gesucht. Krieger: „Viele Grünflächen in der Stadt sehen im Moment nicht so aus, wie sie sollten.“ Bei dem Brief an Kraus handele es sich ja nur um eine Ermahnung; zahlen müsse er ja nichts.

Kraus ist das „wurscht“; er ärgert sich immer noch. Mehr noch, seitdem er und seine Frau einen Rundgang durch den Ort unternommen haben und viele Vorgärten sehen mussten, die grünschnittmäßig „unter aller Kanone“ gewesen seien. Er findet es einen „Witz, wie sich die Stadt hinter Wahnsinns-Paragrafen versteckt. Die sollen vor ihrer eigenen Tür kehren.“

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen