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Usinger Transformatorenhersteller: Pikatron hält autonome Lkw auf Kurs

Von Früher beschäftigte sich der Usinger Transformatorenhersteller Pikatron mit Studiotechnik. Mit der rasanten Digitalisierung musste man sich neu erfinden. Pikatron-Produkte finden sich in der Luft- und Seefahrt ebenso wie in der Medizintechnik und der Logistik. Mit 138 Mitarbeitern ist Pikatron Usingens größter Arbeitgeber.
Firmenchef Dr. Wilhelm Hackmann zusammen mit Leiharbeiterin Katarina Kolodziej. Sie ist seit neun Monaten im Werk Usingen beschäftigt, hofft auf eine Festanstellung und verarbeitet hier extrem dünne Kupferdrähte – ein menschliches Haar ist dicker. Firmenchef Dr. Wilhelm Hackmann zusammen mit Leiharbeiterin Katarina Kolodziej. Sie ist seit neun Monaten im Werk Usingen beschäftigt, hofft auf eine Festanstellung und verarbeitet hier extrem dünne Kupferdrähte – ein menschliches Haar ist dicker.
Usinger Land. 

Autonomes Fahren ist für den Privatgebrauch auf den Autobahnen noch Zukunftsmusik. Im BASF-Werk Ludwigshafen hat genau diese Zukunft aber bereits begonnen. Hier bewegen riesige, LKW-ähnliche Gefährte große Tankcontainer wie von Geisterhand. Denn alles, was diesen auf 32 Rädern rollenden, 17 Meter langen und bis zu 66 Tonnen schweren Brummis fehlt, ist die Fahrerkabine mit dem Fahrer darin. Noch sollen sie im Probebetrieb, in den Kesseln ist noch Wasser. Doch schon bald werden sie mit giftigen Chemikalien gefüllt sein und die bisherigen, schienengebundenen Kesselwagen, die vom BASF-Bahnhof bis zu ihrem Bestimmungsort im Werk 22 Stunden brauchen, ersetzen. Die Fahrt dauert dann gerademal eine Stunde.

Die Technik, die das ermöglicht, kommt aus dem Hochtaunus, das Usinger Unternehmen Pikatron stellt sie in großer Stückzahl herstellen: In Hochsicherheitsglas gegossene Transponder, so dick wie ein Kugelschreiber, aber nicht einmal so lang, werden senkrecht in die Fahrbahn versenkt und steuern induktiv die AGV genannten Fahrzeuge. AGV steht für „Automated Guides Vehicle“.

Transponder weisen Weg

Die AGVs tasten sich entlang ihres Fahrwegs von Transponder zu Transponder und kommunizieren ständig mit der Fahrzeugelektronik, die jedes Hindernis – Fußgänger, Radfahrer – bemerkt und die Fuhre nötigenfalls anhält, aber auch abbiegen lässt, je nach vorprogrammierter Route.

Auch im Hamburger Containerhafen und in einem südkoreanischen Hafen ist Pikatron-Technik im Boden verbaut und sorgt dafür, dass die riesigen Container unbemannt, wie von gigantischen Ameisen getragen, ihr Ziel finden. In mehreren Airbus-Produktionsreihen fliegt Pikatron-Technik mit, sie stellt die Stromversorgung für Rechner, Blinkleuchten und Landescheinwerfer sicher. Computertomografen in Kliniken funktionieren dank der in ihnen verbauten, von Pikatron entwickelten Transformatoren. Dabei geht es um 30 000 Volt. Kabinenfilter in Zügen sorgen mit Pikatron-Bauteilen für gute Luft im Abteil. Auch auf den Weltmeeren ist Pikatron unterwegs, mit Bauteilen für die Schiffskommunikation.

Pikatron, 1974 von Jürgen Klein gegründet, ist heute mit 138 Mitarbeitern am Stammsitz Usingen und weiteren 229 Angestellten an den Standorten Wuppertal, Creuzburg, Rasdorf sowie Pisek (Tschechien) Usingens größter Arbeitgeber. Das Unternehmen erwirtschaftete 2017 einen Jahresumsatz von 24 Millionen Euro. Zur Gruppe gehören die Sparten TAE Antriebstechnik, tech EMC, tesema Leistungselektronik und das Trafo-Werk in Creuzburg. Zunächst hatte das Firmenlogo – eine nach links geöffnete Spule – die Position des „o“ in Pikatron übernommen. Mit der Implementierung der vier Produktlinien wanderte es in farblichen Variationen je nach Standort nach links und steht für das Corporate Design des Unternehmens.

Wandel immer im Blick

Stetiges Wachstum und eine kluge Unternehmenspolitik sind für Dr. Wilhelm Hickmann, geschäftsführender Gesellschafter, die wichtigsten Zutaten im Erfolgsrezept: „Nur wer den wirtschaftlichen Wandel rechtzeitig erkennt und darauf reagiert, hat auf Dauer Erfolg.“ Pikatron, ursprünglich Zulieferbetrieb für Übertragungstechnik in Rundfunk- und Fernsehstudios, musste sich mit dem Einzug der Digitaltechnik in den Studios 1985 und der Miniaturisierung von Transformatoren neu ausrichten.

„Spätestens mit dem Aufkommen der Handys waren die sehr kleinen Transformatoren plötzlich Massenware, die hauptsächlich aus Fernost importiert wurde, da konnten wir nicht mithalten“, sagt Hickmann. Als Entwicklungsingenieur hat er bei Pikatron angefangen, war dann technischer Leiter und übernahm 1994 nach dem Tod von Firmengründer Jürgen Klein die Führung des Unternehmen, „Pikatron ist mein erster Arbeitsplatz, ich war nie woanders und habe es nie bereut“, so Hickmann.

In Folge der Umstrukturierung entwickelt, fertigt und liefert Pikatron heute elektromagnetische Bauelemente, Geräte und Systeme für alle Bereiche der Industrie bei sehr großer Fertigungstiefe. Auch Strömungs- , Wind- und Geschwindigkeitsmessgeräte für Segelboote gehören zum Portfolio. Dazu gibt es mit Salzwasser gefüllte Testanlagen.

Massenproduktion gehört noch immer nicht zum Portfolio von Pikatron, auch wenn das Unternehmen das Knowhow dafür hätte. Die Zahl der Geräte und Bauteile fängt beim Unikat an und endet etwa bei 10 000 Stück: „Im Mittel fertigen wir 220 Exemplare“, sagt Hickmann. Maxime ist es, alle fünf Standorte möglichst optimal auszulasten. „Grundsätzlich sind wir technologisch und personell so aufgestellt, dass wir beinahe alles an allen Standorten fertigen können“, erklärt er beim Rundgang durch die erst 2015 in Betrieb genommene 1200 Quadratmeter große Produktionshalle in Usingen.

„Verlängerte Werkbank“

Aufträge mit größeren Stückzahlen werden wegen des niedrigeren Lohngefüges und des Kostendrucks meistens an das tschechische Werk Pisek vergeben. „Pisek ist unsere verlängerte Werkbank, die Spitzen abfängt.“ Auch die Transponder für BASF, ursprünglich in Usingen gebaut, werden inzwischen in Pisek hergestellt. Die Entwicklung jedoch ist und bleibt in Usingen in den Händen eines 20 Mitarbeiter umfassenden Forschungsstabs. Im Werk Usingen gibt es über Skype mit allen Standorten verbundene Arbeitsplätze, von denen aus Spezialisten Mitarbeiter in Creuzburg, Rasdorf oder Pisek kameragestützt anleiten und Werkstücke parallel fertigen.

Die hohe Flexibilität der Arbeitsplätze erlaubt es, Aufträge in Kundennähe auszuführen. Dennoch fährt ein Shuttle-Dienst alle Werke pro Woche mindestens einmal an. Gearbeitet wird im „Kanban-Modus“. Kanban (japanisch: Tafel, Beleg) ist eine Form der Produktionssteuerung, die sich am tatsächlichen Verbrauch von Materialien am Bereitstell- und Verbrauchsort orientiert. Ziel ist es, die Wertschöpfungskette auf jeder Fertigungs- und Produktionsstufe einer mehrstufigen Integrationskette kostenoptimal zu steuern.

Die Unternehmenspolitik von Pikatron ist einerseits zukunftsorientiert ausgerichtet, andererseits aber auch konservativ: „Das Problem in der deutschen Wirtschaft ist, dass etwa die Hälfte der mittelständischen Unternehmen ihre Nachfolge nicht geregelt haben, bei uns ist das anders“, sagt Hickmann. Unlängst wurde per Gesellschafterbeschluss die komplette Führungsebene – kaufmännische Leitung, technische Leitung, Entwicklungsleitung sowie der Assistent des Geschäftsführers – in den Kreis der Gesellschafter aufgenommen. Hickmann: „Wir binden sie damit an das Unternehmen. Auch wenn sie nur über relativ wenige Anteile verfügen, so ist es doch auch ihre Firma – wir halten das für eine kluge Entscheidung, unsere Zukunft ist also geregelt.“ Personell, aber auch finanziell.

Laut Beschluss der Gesellschafter fließen 50 Prozent des Gewinns ins Unternehmen. Jährlich wird rund eine Million Euro in die Standorte investiert, gerade wurde ein Mehrspindelwickelautomat für das Werk Creuzburg angeschafft, für allein 200 000 Euro.

Pikatron beschäftigt derzeit rund 30 Bürofachkräfte und Betriebswirte, etwa 20 Entwicklungsingenieure und Physiker sowie rund 300 Elektrotechniker, Mechatroniker und Elektriker in der Produktion. Spitzen werden mit Leiharbeitern abgedeckt, die aber nach Möglichkeit und wie vielfach bereits geschehen, bei entsprechender Eignung in feste Beschäftigungsverhältnisse übernommen werden.

„Der allgemeine Fachkräftemangel macht auch vor uns nicht halt. Wir brauchen immer gute und motivierte Leute und bilden sie auch gerne aus“, sagt Hickmann und verweist auf permanent sieben Auszubildende – Industriekaufleute und Mechatroniker. Zusätzliches Knowhow kommt momentan durch eine Studentengruppe der Weilburger Technikerschule, die im Werk Usingen eine Maschine entwickelt, die Flachdraht ohne Risse hochkant wickeln kann.

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