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Erfolg: Kreis qualifiziert Asylbewerberinnen und Langzeitarbeitslose als hauswirtschaftliche Kräfte

Von Sie sind oft die guten Seelen in Kitas, Privathaushalten oder Kliniken, doch das Image ihrer Tätigkeit und auch die Bezahlung könnte meist besser sein. Dabei sind Menschen, die mit hauswirtschaftlichen Tätigkeiten ihr Geld verdienen, ungemein wichtig und der Bedarf an Arbeitskräften nimmt zu. Gründe genug für den Hochtaunuskreis, den Teufelskreis zu durchbrechen.
Auch Fensterputzen will gelernt sein. Das Qualifikationsangebot des Kreises eröffnet Asylbewerberinnen und Langzeitarbeitslosen eine Job-Perspektive. Symbolfoto: Fotolia Foto: IHOR PUKHNATYY (89295776) Auch Fensterputzen will gelernt sein. Das Qualifikationsangebot des Kreises eröffnet Asylbewerberinnen und Langzeitarbeitslosen eine Job-Perspektive. Symbolfoto: Fotolia
Hochtaunus. 

Christa Klein von der Starthilfe Hochtaunus bringt es auf den Punkt: „Putzen und kochen kannst du doch schon“ – das sei ihrer Erfahrung nach eine häufige Reaktion, wenn einer ihrer Schützlinge in der Familie oder dem Bekanntenkreis erzählt, dass man sich für eine hauswirtschaftliche Ausbildung entschieden hat. Dass zur Berufsbezeichnung Hauswirtschafterin oder Hauswirtschafter ein dreijährige Ausbildung führt und es sogar eine Weiterbildung samt staatlicher Abschlussprüfung zum Meister der Hauswirtschaft gibt, wissen die wenigsten.

Angesichts des demografischen Wandels ist der Markt ein Feld mit großer Zukunft – allerdings haftet ihm der Ruf des schlechtbezahlten und irgendwie auch undankbaren Handwerks an. Wer möchte schon gerne den Dreck anderer wegmachen oder scheinbare Hilfsarbeiten erledigen, die vermeintlich jeder einfach mal so nebenbei erledigen kann?

Kreisbeigeordnete Karin Hechler (SPD) hingegen weiß: „Erst wenn Keime in einem Kindergarten gefunden werden oder die Hygiene im Krankenhaus nicht stimmt, wird klar, wie wichtig diese Arbeiten sind.“ Die gesetzlich vorgeschriebenen Hygienepläne sind ein Buch mit sieben Siegeln. Sie zu lesen und umzusetzen, braucht viel Wissen und Übung. Die Krux: Die Bedeutung der Arbeitenden wird meist erst deutlich, wenn mal Fehler passieren. Und schon wird der Job wieder negativ beschrieben . . .

Leute gesucht

Dabei sind hauswirtschaftliche Kräfte gefragt. Nicht nur wer privat die zuverlässige und umgangssprachlich noch immer Putzfrau genannte Reinigungskraft sucht, muss lange suchen, wenn er keine privaten Kontakte hat. Auch viele mobile Pflegedienste würden ihre Kapazitäten gerne aufstocken. Denn auch haushaltsnahe Dienstleistungen werden, den nötigen Pflegegrad vorausgesetzt, zum Teil finanziert – aber nur, wenn sie von einem anerkannten Anbieter ausgeführt werden. Kurz gesagt: „Wir brauchen Leute, die wir ausbilden können“, sagt Hechler.

Der Hochtaunuskreis hat die Zeichen der Zeit erkannt und das Pilotprojekt Cesarine ins Leben gerufen, in dem elf Frauen seit Februar für hauswirtschaftliche Tätigkeiten qualifiziert werden. Kurz vor Abschluss des Programms, das Ende Juli ausläuft, ist es an der Zeit für eine Zwischenbilanz. Und die ist positiver, als es sich mancher vorher gedacht hätte. Denn die Frauen, Asylbewerberinnen und Langzeitarbeitslose, mussten mit vielen Widrigkeiten kämpfen. Doch sprachliche Hürden, die Rückbesinnung auf einen Arbeitsalltag, ja sogar die Entscheidung, zum ersten Mal überhaupt selbstbestimmt und selbstbewusst einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und eigenes Geld zu verdienen, seien allesamt überwunden worden – das Team ist gewachsen. „Eine Frau hat bereits einen Arbeitsvertrag, vier bis fünf weitere haben sehr gute Chancen, an ihren Praktikumsplätzen einen festen Job zu bekommen“, erklärt Christa Klein.

Andere wollten weiter an ihrer Qualifikation arbeiten. „Eine Dame macht eine Fortbildung zur Demenzbetreuerin, eine andere hat sich eine Ausbildung zur Erzieherin zum Ziel gesetzt.“ Und der Rest? Noch sei ja ein paar Wochen Zeit, erklärt Hechler, und da sei man optimistisch. Ausgewiesenes Ziel sei jetzt, alle Teilnehmer zu vermitteln.

Kein Wunder, dass es nach dem erfolgreichen Pilotversuch von Mitte August an eine zweite Runde geben soll, wie Hechler ankündigt. 40 Frauen hätten bei Info-Veranstaltungen bereits Interesse bekundet, berichtet Starthilfe-Geschäftsführerin Maria Goldhammer. Wieder wird die Starthilfe in Usingen das Zepter übernehmen, das Wehrheimer Mehrgenerationenhaus (MGH) soll eine der Ausbildungsstätten bleiben. Dort konnten die Frauen viel Praxiserfahrung sammeln – angefangen vom Tischdecken über die Essensausgabe bis hin zu den theoretischen Modulen, die im ersten Obergeschoss gepaukt wurden.

Mehrere Ausbildungsorte

Doch es soll Modifikationen geben. Hauptausbildungsstandort soll die Geschäftsstelle der Starthilfe in Usingen werden, auch das Café Olé, ein Ausbildungscafé für künftige Fachkräfte im Gastronomiebereich in der Buchfinkenstadt, soll stärker eingebunden werden. „Das Mehrgenerationenhaus soll aber in jedem Fall weiter bedient werden“, betont Goldhammer.

Das wünscht sich auch MGH-Leiterin Anja Mahne, die ihre Schützlinge denn auch gar nicht ziehen lassen will. Zu gut hätten sie sich eingebracht, zu wertvoll sei die Unterstützung geworden. So jetzt an drei Tagen pro Woche ein Mittagessen angeboten werden. „Der vegetarische Dienstag wird mittlerweile stark nachgefragt, es kommen sogar Leute aus Usingen und Bad Homburg.“ Dass es anfangs ab und an gehakt habe, ist längst vergessen. Reibung erzeuge Wärme.

Lob gab es auch von Wehrheims Bürgermeister Gregor Sommer (CDU). Mit Blick auf die schwierigen Voraussetzungen der Teilnehmerinnen sagte er: „Hier wird die Praxis gelebt, die Menschen werden integriert.“ Für den Weg in die Eigenständigkeit sei vielleicht Unterstützung nötig, „aber am Ende des Weges können die Teilnehmerinnen arbeiten und sich einbringen“.

Viel weiter in die Zukunft will Karin Hechler als oberste Verantwortliche noch nicht blicken. Schuld ist die Bürokratie, auch wenn sie wohl andere Worte wählen würde. Fakt ist jedoch: Sollte der Kreis die Qualifizierung dauerhaft anbieten wollen, müsste es für den Partner wohl eine Ausschreibung geben. Und dann ist da noch das Problem, dass sich die öffentliche Hand ja nur dann wirtschaftlich betätigen darf, wenn kein Privatunternehmen das Feld bestellen will. Andererseits dürfte es leichtfallen, das Projekt angesichts des vielbeschworenen Pflegenotstands zumindest testweise zu einem Teil der Daseinsvorsorge zu erklären . . . Sollen die Gerichte doch erstmal anders entscheiden.

Und so kommt Hechler denn auch ins Träumen. „Wir sind dabei, einen Pool aufzubauen. Wer weiß, in fünf Jahren . . . Ich hätte gerne ein ähnliches Modell wie die Tagesmütter-Börse.“

Weitere Informationen

Wer sich für die Qualifizierungsmaßnahme interessiert: Weitere Infos gibt es bei der Starthilfe Hochtaunus telefonisch bei Anette Schäfer unter (0 60 81) 5 84 14 43 melden.

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