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Fotografieprojekt: Ein Kronberger besucht Bolzplätze in aller Welt

Von Elf Meter, das ist im Fußball eine magische Distanz. Sie kann wie Samstagnacht über Sieg (Kroation) oder Niederlage (Russland) entscheiden. Der ehemalige Torwart Victor van der Saar baut seine Kamera in elf Metern Distanz vom Tor aufs Stativ und platziert seinen Schuss, um Bolzplätze zu porträtieren. Der Wahl-Kronberger geht mit seiner Mittelformatkamera weltweit auf Torjagd – auch nach der WM.
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Die Idee, sich dem Fußballtor fotografisch zu nähern, die reifte schon länger im Kopf von Victor van der Saar. Und dann, an einem Ostersonntag 2006, stieß er bei einem Spaziergang in Augsburg nach einer Stunde auf einen Bolzplatz. In den Bau der Tore wurde ein Baum einbezogen, der andere Pfosten und die Latte waren aus einfachem Holz.

Victor van der Saar wusste, hier hatte er gefunden, was er wollte. „Das Konzept habe ich dort entwickelt“, sagt der heute 57-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Der gebürtige Saarländer, dessen Herkunft Bestandteil seines Künstlernamens ist, stellt sich in ein Tor und misst mit elf Schritten die magischen elf Meter ab. Vom Elfmeterpunkt aus schießt er nun mit einer auf einem Stativ montierten Mittelformatkamera quadratische Bilder. Die Wahrheit liegt auf dem Platz – die Fußballwahrheit gilt auch für den Fotografen.

Von nun an geht er immer so vor: sich einen Bolzplatz suchen, elf Schritte vom Tor weggehen, sich umdrehen und das Foto machen. Mehr als zwölf Jahre geht das so, 15 Länder, drei Kontinente.

Künstlername

Victor van der Saar, man ahnt es, ist ein Künstlername. Aber ein richtiger. So einer, der in den amtlichen Dokumenten steht. Über seinen ursprünglichen Namen verrät van der Saar nur so viel: „Ein Doppelname ist für die internationale Vermarktung nicht gerade förderlich. Es sei denn, man heißt Cartier-Bresson.“

Der 57-Jährige fotografiert Tore im Wald und mitten in der Stadt, mal in idyllischer Umgebung, mal in trostloser. Mitunter besteht das Spielfeld aus grünem Gras, häufiger jedoch ist nur noch blanke Erde übrig – ein bleibendes Zeugnis ausgelebter Spielfreude.

Der Betrachter kann sich in Details verlieren, die die Stillleben bieten: ein vergessenes Che-Guevara-Schweißband im Gras, eine Kuh hinter dem Zaun, eingegrabene Autoreifen als Spielfeldbegrenzung. Man ahnt den Lärm, der auf den Plätzen herrscht, wenn Kinder und Freizeitkicker hinter dem Leder herjagen. Nicht immer ist es klar, ob die Plätze nur kurzfristig oder für sehr, sehr lange Zeit verwaist sind.

Manche der Plätze entdeckt der Fotograf selbst, auf andere wird er hingewiesen, bevor er sie aufsucht. Das war in Madrid der Fall. Dort fand er nach einem Tipp den Bolzplatz in dem Viertel La Latina. Ein Detail: Das Tor zum Platz war mit einem Zahlenschloss gesichert. Und die Kombination entsprach dem Todestag des spanischen Diktators Francisco Francos.

Dass der Wind einen Softball vor sich hertrieb, bis dieser auf der Torlinie lag, während er sein Equipment aufbaute, gehört für Victor van der Saar zu dieser Art von Wunder, die Fotografen wiederfahren, die sich mit Geduld und Hingabe ihren Motiven zuwenden.

Kindheitserinnerungen

Die Betrachter seiner Bilder werden nicht nur in die staubige, matschige oder asphaltierte Realität der Hobbykicker in Paris, Bochum, Brüssel oder Budapest versetzt, sondern auch in ihre eigene Kindheit. „Die Leute fangen an zu erzählen, wo sie gespielt und wie sie ihre Tore markiert haben“, sagt van der Saar.

Dass er auf die Idee mit der Torserie gekommen ist, die zu Beginn „Tor des Monats“ hieß und erst später „11 Meter“, ist kein Zufall. „Das ganze Leben war Fußball“, sagt der 57-Jährige. In Saarbrücken begann seine Karriere als Torwart, in Berlin spielte er Oberliga. Zum Termin erscheint er mit einem weißen Hemd, auf das er sich 2010 die Rückennummer „11“ und „Klose“ hat flocken lassen. Miroslav Klose bewundert er, weil dieser trotz aller sportlicher Erfolge bodenständig geblieben sei.

Dunkelkammer fasziniert

Mit 14 hat er begonnen, sich ernsthaft mit der Fotografie zu beschäftigen. Nachdem der Mann seiner Lieblingstante, ein Künstler und Kunsterzieher, ihm gezeigt hatte, wie sich Bilder in der Dunkelkammer entwickeln lassen. Für den jungen Victor stand fest: „Eine Dunkelkammer muss ich auch haben.“ Seither bleibt er am Ball, fotografierte in den 80er Jahren schwarzweiß, besuchte ungezählte Ausstellungen, gerade in Paris. Die von Man Ray im Centre Pompidou beeindruckte ihn besonders.

2005 bei der Art Cologne fiel ihm auf, dass viel Serielles auf dem Kunstmarkt ist – meist von Becher-Schülern, die in Düsseldorf bei Bernd und Hilla Becher studierten, oder von Schülern von Becher-Schülern. Seine Serie wächst immer weiter – auch weil ihn mittlerweile Freunde und Bekannte mit Tipps versorgen, wo sie wann welches Bolzplatztor gesichtet haben – weltweit.

Gekommen, um zu bleiben

Wegen der Liebe kam Victor van der Saar nach Kronberg. Auch wenn das Glück nicht von Dauer war, will der Vielreisende seinen Lebensmittelpunkt in der Burgstadt belassen. Denn er fühlt sich wohl in dem idyllisch-dörflichen Städtchen des Vordertaunus. Wichtig ist ihm das kulturelle Angebot in der Region, allen voran in Frankfurt. Mit dem Fahrrad erkundet er die Gegend, steuert die Museen in Frankfurt an und entdeckt fotogene Tore in Kronberg und in der Nähe der EZB.

Seine Bilder werden gerne rund um Europa- oder Weltmeisterschaften ausgestellt oder in Magazinen veröffentlicht. „Mein großes Ziel ist es, 2026 im Moma in New York auszustellen – und 2022 in Qatar“, sagt der Wahl-Kronberger.

So erfolgreich die „11-Meter“-Serie auch ist, und so viel Spaß sie van der Saar noch immer macht, Abwechslung benötigt jeder Fotograf. („Ich will mich ja nicht selbst langweilen“, sagt der 57-Jährige.) Also sammelt er mit seiner Handykamera ganz spontan Eindrücke, von dem, was ihm im Alltag und auf Reisen so begegnet und anspricht. Das hat Tagebuchcharakter und heißt „mobEyele dEyeary“. Kunst- und Bauwerke, Schlüsselanhänger und Schriftzüge, Autos oder Tätowierungen – alles packt er ins Quadrat. Mit unter nutzt er das Smartphone auch beim Bolzplatz-Scouting – und kehrt dann später mit dem großen Besteck zurück.

Andere Fotoprojekte drehen sich um Saarländer und um Träger von Fußballkutten.

Bis Ende Juli sind einige seiner Bilder aus der „11-Meter“-Serie im Restaurant Oosten in Frankfurt zu sehen. Für den Herbst ist eine Ausstellung im „Hotel am Brillantengrund“ in Wien geplant.

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