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Das Krankenhaus, das keins mehr ist

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Peter Tiefenbach für die Hochtaunuskliniken, er kennt jeden Winkel des mittlerweile verlassenen Altbaus. TZ-Reporterin Jana Kötter hat er mitgenommen auf einen Rundgang durch das alte Krankenhaus – und dabei gezeigt, was aus einer Klinik wird, wenn Ärzte und Patienten bereits in den hochmodernen Neubau gezogen sind.
Riesige Container nehmen alles auf, was nicht verwertet werden kann. Bilder > Riesige Container nehmen alles auf, was nicht verwertet werden kann.
Bad Homburg. 

Peter Tiefenbach scheint in Gedanken versunken, als er über die hellgrüne Fläche streicht. „Das wurde alles einmal für die Ewigkeit gebaut“, sagt er mit bedauerndem Lächeln und klopft auf die Oberfläche des Schranks. Etwas in die Jahre gekommen ist der, nicht mehr der modernste – doch seinen Zweck erfüllt er eigentlich noch gut. „Wer hätte gedacht, dass die Ewigkeit mal so schnell vorbei ist.“

Jeden Tag kommt Peter Tiefenbach in die alten Hochtaunus-Kliniken an der Urseler Straße. Zeit, in Gedanken zu schwelgen, hat der 57-Jährige jedoch selten. Der Leiter der Stabsstelle Sicherheit koordiniert den Umzug der Klinik. Auch wenn dieser schon abgeschlossen scheint und die Patienten im neuen Anwesen gut versorgt sind, ist die Arbeit für Peter Tiefenbach noch nicht getan. Er ist nach wie vor für die Sicherheit des alten Gebäudes zuständig – und dafür, dass es bis zum Ende des Jahres leergeräumt ist.

 

Alles wird verwertet

 

In der alten Bettenzentrale stehen heute noch rund 30 Betten; geduldig warten sie auf ihre Abholung. In einer Ecke liegt eine Kühlkompresse auf dem Boden, in der anderen ein achtlos zusammengewürfelter Haufen Beinschienen. Der Raum ist einer der wenigen, in denen es chaotisch wirkt; die Verwerter reißen hier alles heraus, was sie finden können. Er ist aber auch einer der wenigen, in denen überhaupt noch etwas zu finden ist.

Rund 40 Prozent des Inventars seien mit umgezogen, erklärt Tiefenbach. Die anderen 60 Prozent wurden von Hilfsorganisationen abgeholt – oder kommen auf den Müll. Vor allem die mechanischen Betten seien von Entwicklungsländern „gerettet“ worden, sagt Tiefenbach. Verschiedene Hilfsorganisationen haben sie abgeholt.

„Für viele arme Länder sind die noch lange gut“, sagt Tiefenbach und erklärt: „Die elektrischen Betten brauchen ja Strom, und sobald ein kleiner Defekt ist, müssen schon Ersatzteile her.“

In den oberen Stockwerken sind die Patientenräume bereits leer. Die Schritte hallen hier gespenstisch auf dem Flur, nicht überall funktionieren die Lichter. Zwei Männer kommen plötzlich aus einer Verbindungstür, sie blicken angesichts des Besuchs ebenso erstaunt wie Tiefenbach. Es sind Verwerter, die in diesen Tagen für die Entsorgung des restlichen Inventars sorgen.

Dass das Gebäude seit einem dreiviertel Jahr leersteht, ist für Tiefenbach ein großes Problem. Obdachlose auf der Suche nach Unterschlupf, Jugendliche, die sich einen Spaß machen wollten, oder Einbrecher, die auf der Suche nach dem großen Geld waren: Sie alle haben die alten Klinikräume seit dem Umzug bereits unsicher gemacht.

 

Fernseher geklaut

 

„Eine Gruppe Diebe hat eine ganze Reihe alter Fernseher geklaut“, sagt Tiefenbach mit einem Kopfschütteln. „Damit kann man heute nichts mehr machen, aber die verarbeiteten Metalle sind natürlich viel wert.“ Mittlerweile wurden die Hecke hinter dem Verwaltungsgebäude heruntergeschnitten und Scheinwerfer aufgestellt, die Polizei patrouilliert regelmäßig. „Seitdem hatten wir keine Probleme mehr.“

Auf der anderen Seite des Gebäudes, im Innenhof, stehen rostrote Container. Schreibtischstühle, Holzplatten, Klopapierhalter: Viel Platz ist nicht mehr in den Containern, der Schrott stapelt sich bereits bis an die Kante. Tiefenbach blickt aus dem Fenster. „Ich weiß gar nicht, wie viele von denen schon weggegangen sind“, sagt er nachdenklich.

Zurück bleiben die kleinen Dinge, die den Verwertern nicht ins Auge fallen – oder die einfach ignoriert werden: An der Wand ein vergilbtes Poster – „Unser Stationsteam“ –, der liebevoll verzierte Schrank, der noch heute mit Blumenvasen gefüllt ist.

Ganz verlassen ist das Gebäude jedoch nicht. Dialysestation, Pathologie und eine Arztpraxis sind noch hier – und werden es auch nach der abgeschlossenen Räumung der Klinik sein. „Pathologie und Arztpraxis ziehen in das neue Ärztehaus in der Zeppelinstraße“, erklärt Tiefenbach. „Die Dialyse jedoch erhält ein eigenes Gebäude, das voraussichtlich erst im Sommer kommenden Jahres fertig sein wird.“ Bis dahin ist also noch etwas Leben in diesem Krankenhaus, das doch eigentlich gar kein Krankenhaus mehr ist.

 

Wanduhr geht noch genau

 

„Zentral-OP. Kein Zutritt“ – noch immer prangt das Schild an der schweren Tür. Doch heute bedarf es keiner Desinfektion, keiner Hygienemaßnahmen, um die einst sterilen Räume zu betreten. In den sechs Sälen warten noch Anästhesie-Geräte auf ihre Abholung, sie werden ebenfalls von Hilfsorganisationen weiterverwertet. Die Lampen mit ihren tellerrunden Scheinwerfern wirken fehl am Platz – jetzt, da Patienten und Ärzte fehlen.

Nur die Wanduhr erinnert an die Gegenwart, sie zeigt sekundengenau die Uhrzeit an. „Vieles funktioniert ja noch“, betont Tiefenbach. „Nur dass wir heute alles mit digitalen Geräten machen, bei denen die Patientendaten gleich in die Krankenakte überspielt werden. Das können die eben noch nicht.“ Und so lässt die Klinik auch die zahlreichen OP-Geräte zurück.

Vor dem Operationssaal türmen sich bereits die schweren Edelstahl-Armaturen, sie werden jeden Moment abgeholt. Drei Stockwerke tiefer, im Keller des alten Gebäudes, wartet nichts mehr auf eine Abholung: Hier lagern Glühbirnen, Ersatzteile, Sicherungen – Teile, die es heutzutage gar nicht mehr zu kaufen gibt. Für sie gibt es nur ein Ziel: die rostroten Container im Innenhof der Klinik.

 

Abriss wahrscheinlich

 

Ist das Gebäude erst einmal leer, soll es verkauft werden. Und dann? „Das Baumaterial ist schon relativ alt“, meint Tiefenbach. Er könne nicht sehen, dass das Krankenhaus in der heutigen Form erhalten bleibt. „Wahrscheinlich wird es abgerissen.“ Seit 30 Jahren arbeitet er für die Hochtaunus-Kliniken. Angefangen hat er als Krankenpfleger, hat sich an der Hochschule dann zum Pflegedienstleitung und Projektmanagement weitergebildet. Heute ist er für die Sicherheit zuständig: Datenschutz, Brandschutz, Gebäudesicherheit. „Natürlich ist es toll, diesen Umzug miterlebt zu haben. Das hat man ja auch nur einmal in der Berufslaufbahn . . .“, sagt der Sicherheitsexperte. „Aber wenn ich darüber nachdenke, was man alles zurücklässt“, er stockt, blickt noch einmal auf die grünen Schränke. „Da blutet einem schon das Herz.“

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