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Karneval: Umkleide als Taubenschlag

Von Für die meisten Menschen ist die Garderobe ein Haken für den Mantel, und in Umkleideräumen ziehen sich Sportler gesittet um. Doch an der Fastnacht ist hier der Teufel los. Unsere Reporterin hat sich bei der Interessengemeinschaft Eschbacher Karneval ins Getümmel gestürzt.
Während des Umziehens und kurz vor dem Auftritt schrieben die Crazy Cats dann auch noch der Welt außerhalb der Garderobe, dass es für sie nun gleich auf die Bretter, die die Welt bedeuten, geht Während des Umziehens und kurz vor dem Auftritt schrieben die Crazy Cats dann auch noch der Welt außerhalb der Garderobe, dass es für sie nun gleich auf die Bretter, die die Welt bedeuten, geht
Eschbach. 

Der Boden in den beiden Umkleideräumen im Eschbacher Bürgerhaus ist sauber, die Haken leer. Es ist still, so kurz vor der Fremdensitzung der Interessengemeinschaft Eschbacher Karneval. In der Luft hängt der typisch abgestandene Geruch von Sportlerkabinen. Ein mattes Geld-Orange an den Wänden versprüht 70er-Jahre-Charme. Eigentlich fehlen nur noch die Pril-Blumen an den Wänden . . .

Um 18 Uhr fliegt die Tür auf und zwei Mädchen stürmen in die Garderobe, in den Händen kleine Rucksäcke, gefolgt von ihren Müttern. Jetzt kommt Leben in die Bude, weitere Mädchen stürmen herein, suchen sich einen Platz und kramen in den Rucksäcken. Viele sind schon umgezogen. Mit der Ruhe ist es vorbei. „Mama, wo ist die Bürste?“, „Hast du die Schuhe?“, „Mutti, wo ist denn die Haarspange?“, sprudelt es aus einem siebenjährigen Mädchen heraus – und ihr Tonfall ist energisch. Freundinnen begrüßen sich; Mütter, die nicht mehr beim Umziehen helfen müssen, nehmen auf der Bank Platz und tippen auf ihrem Handy herum.

Lampenfieber

Aufgeregt springen einige Mädels auf der Stelle. Sophia lässt sich von Mama Steffi Fickenscher noch schnell den letzten Knopf am Oberteil schließen, danach drückt sie sich an ihre Mutter und lächelt. Wenige Zentimeter vor ihr hüpfen die Mittänzerinnen auf und ab, rufen sich über fünf Köpfe etwas zu, singen, drehen sich im Kreis. Der Lärmpegel schwillt stetig an. Aus den Haaren einer Tänzerin lösen sich unbemerkt ein paar Glitzersteine und kullern zu Boden.

Die Umkleide wird zum Taubenschlag. Neue Tänzerinnen kommen, Eltern stecken den Kopf hinein, rufen etwas, um dann gleich wieder zu verschwinden. Zwei Freundinnen nehmen sich an den Händen, herzen sich, schneiden Grimassen, schütteln die Haare – Anspannung pur. „Jetzt mal alle Eltern raus, es wird gleich laut“, ruft Trainerin Tina Klimm. Sie versucht, auf engstem Raum kleine Feinheiten abzustimmen. „Au“, ruft ein Mädchen das gerade angerempelt wurde, aus der hinteren Ecke.

Ihre Ansagen schreit Klimm nun schon in die Menge. Nicht, weil sie sauer ist, sondern weil sie sonst nicht mehr zu hören wäre. Und dann geht es los. Die Mädels zappeln nach draußen, es kehrt Ruhe ein. Nur drei rote Federchen liegen noch auf dem Boden und zeugen von dem Gewusel, das vor ein paar Sekunden vorherrschte.

Der Siebener Rat nutzt den kleinen Saal für sich allein zum Umziehen. Zwischen Turnmatten, Hüpfbällen, Barren, Eimern, Tüten, Taschen und Leitern, an denen Klamotten hängen, verströmt hier nichts Glanz und Glamour. Im Gegenteil. Die Garderobe gleicht einer Abstellkammer, in der die Filmmusik von „Schuh des Manitu“ aus einer Box im Hintergrund plärrt.

Die wenigen freien Stühle nutzen Jonnas Rückauf, Ralf Oldenburg, Bernd Löw, Uwe Kandler, Achim Schaller, Wolfgang Brähler und Günter Hofmann, um sich umzuziehen. Konzentriert geht Bernd Löw seinen Text durch, streicht Passagen rosa an, bevor er in die Western-Klamotten steigt.

Unaufgeregt geht es zu, das Umziehen geht schnell. „Meine Mutter hat mich doch tatsächlich mit meiner 20 Jahre jüngeren Tochter verwechselt“, erzählt Wolfgang Brähler lachend, während er mit einer Korsage kämpft. Sein Gesicht ist hell und auf Frau geschminkt. Er gibt heute Abend wieder Barfrau Uschi im kurzen Kleid und halterlosen Strümpfen. „Du hast das Kleid verkehrt herum an“, sagt Jann Schüder, weist auf die außen liegenden Nähte und ergänzt: „Aber so könnte es auch gehen.“ Die Männer feixen, stoßen mit einem Bier an, um dann auch noch einen Kurzen hinterherzukippen. In der „Abstellkammer“ paart sich der muffige Geruch mit dem von Zwiebeln auf Mettbrötchen. „Das muss man mögen“, sagt Jann Schüder und rümpft die Nase. Die Zeit bis zum Auftritt verfliegt schnell. „Heute haben wir wenigstens Orden“, seufzt Oldenburg und steckt sein Hemd in die Hose. Zwar nicht die bestellten, „die sind noch in China, aber immerhin Orden.“ Während er seine Überhosen von Schüder binden lässt, ergänzt er kopfschüttelnd: „Die haben uns angeboten, die Orden nächste Woche Freitag nachzuliefern.“ Seine Stimme überschlägt sich fast. Da hilft nur ein Schluck kühles Blondes, wobei das Weiß schon lange abgestanden ist. Die Perücken und Hüte auf, die Musik wird lauter und schon eilen die Männer aus der Garderobe. Zurück bleibt ein optisches Chaos.

Ortswechsel·

Laut lachend und kichernd stürmen die Little Ladies zurück in die Garderobe. Einzelne Wortfetzen, „gut“. „hättest anders“ oder „hast du das gesehen?“, sind aus dem allgemeinen Lärm herauszuhören. Die Tür fliegt im Sekundentakt auf und wieder zu. „Komm!“, ist die Standardaufforderung der Eltern, die beim Umziehen helfen und schon die Rucksäcke in der Hand auf die Abfahrt warten. Schon nehmen die Crazy Cats die Haken in Beschlag. Der Schweißgeruch wird von einer Ladung Glitzer- und Haarspray überdeckt. Stehend schreiben einige Mädels WhatsApps – schließlich darf der Kontakt zur Außenwelt nicht abreißen. Andere hingegen drehen akribisch die Locken in den langen Haaren nach.

Nebenan geht Sebastian Seewald seine Büttenrede durch, während die Brausebonbons den Lippenstift nachziehen. Augenklimpern und Lächeln üben sie vor dem Spiegel, ihre Körper sind angespannt. Hinsetzen, aufstehen, zur Tür und wieder zurück. „Hast du noch Wimperntusche?“, fragt ein Mädel ihre Mittänzerinnen in einem Ton, als ginge es ums Leben. Sie kann helfen.

Die nächste Gruppe kommt sichtlich abgekämpft aber glücklich herein, nun sind die Tänzerinnen dran. Am Ende bleiben nur Glitzer, ein paar Socken, Pailletten auf dem Boden und Schweißgeruch in der Luft zurück.

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