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Bedrohter Laubwald: Mit Mann und Pferd gegen die Traubenkirsche

Von Es ist noch keine acht Woche her, da pflanzte der Verein Trinkwasserwald in Kooperation mit der Deutschen Bank und der Gemeinde Wehrheim Bäume. Nun trafen sich die Beteiligten abermals, allerdings um Bäume auszureißen. Und das aus gutem Grund.
Pferd Mio hat die Kraft, um die spätblühende Traubenkirsche aus dem Boden zu ziehen. Bilder > Foto: Tatjana Seibt Pferd Mio hat die Kraft, um die spätblühende Traubenkirsche aus dem Boden zu ziehen.
Wehrheim. 

Wer Plastik in die Umgebung wirft, macht sich keine Gedanken um die Umwelt. Aber gilt dieses „Fehlverhalten“ auch für Menschen, die einen Baum bei sich im Garten pflanzen? Auf den ersten Blick müsste die Antwort „nein“ lauten, zumindest dann, wenn man über einen Baum im Allgemeinen spricht. Bei genauerer Betrachtung gibt es aber einen eklatanten Unterschied, zumindest aus Sicht von Wehrheims Förster Björn Neugebauer und Dr. Dieter Selzer, Leiter der unteren Naturschutzbehörde des Hochtaunuskreises. So gesehen und auch geschehen in dem Waldstück „Mark“ zwischen der Saalburgsiedlung und der Kerngemeinde Wehrheim.

Wie mythologische Hydra

In dem Laubwald haben sich nämlich zwischen Ahorn, Eschen, Eichen, Fichten und Kiefern nordamerikanische Traubenkirschen breit gemacht. Nun ja, könnte man denken, die Douglasie stammt auch nicht aus Europa, doch weit gefehlt. „Dieser Neophyt ist ein echtes Problem“, erklärte Neugebauer anlässlich der „Rupfaktion“ gestern in dem Waldstück. Denn die nordamerikanische Traubenkirsche hat viel Ähnlichkeit mit der griechischen mythologischen Hydra, der einmal der Kopf abgeschlagen, mehrere nachwachsen. „So verhält sich das auch mit der Traubenkirsche“, sagte Neugebauer und zeigte auf zahlreiche Beispiele. Oben abgeschnitten treibt die Wurzel gleich an mehreren Stellen aus „und entwickelt dabei bis zu sieben oder acht neue Triebe gleichzeitig.“ In der Konsequenz habe sich die Traubenkirsche so massiv verbreitete, das sie inzwischen in dem Laubwald die nachwachsenden kleinen Bäume komplett überschattet. „Ein weiteres Problem an diesem Baum ist, dass man aus dem Holz wirklich nichts machen kann“, sagte Neugebauer. Während Ahorn und Eichen wertvolle Baumarten auch für die Gemeinde darstellten, sei der Neophyt schlichtweg eine Baumart, die der Förster im Wald nicht haben will, um den nachwachsenden Bestand und die Naturverjüngung nicht zu gefährden. „Ein Spritzmittel wäre aber nur das Mittel letzter Wahl, um diese Baumart zu bekämpfen“, erklärte Neugebauer. Außerdem wachse die spät blühende Traubenkirsche zügiger als andere Baumarten, die durch ihren Wuchs verschatten.

Um den Neophyt zu entfernen hat sich Neugebauer für die Handarbeit und den Einsatz eines Rückepferdes entschieden. „Wenn die Traubenkirsche im Stamm mehr als daumendick ist, dann kann man sie schon nicht mehr mit der Hand aus dem Boden ziehen“, erklärt er. An dieser Stelle kam dann der neun Jahre alte Mio zum Einsatz. Das Rheinischdeutsche Kaltblut hatte mit den unerwünschten Bäumen leichtes Spiel, wie Besitzerin Michaela Müller aus Waldsolms berichtete. „Normalerweise zieht er dicke Stämme“, sagte die Holzrückerin, die bereits während der vergangenen Tage auf dem fünf Hektar großen Waldstück im Einsatz war.

Leichte Unterscheidung

Die jüngeren Pflanzen hingegen entfernten 22 Mitarbeiter der Deutschen Bank in Kooperation mit dem Verein Trinkwasserwald an ihrem „Social Day“. Wie sich Traubenkirsche von Ahorn und anderen Pflanzen unterscheiden, „das sieht man nach ein paar Minuten ganz schnell“, sagten Ralf Gauterin und Thomas Wimmer, die üblicherweise im siebten Stock in Eschborn am Computer sitzen und arbeiten. Auch Kai-Uwe Burkop war mit von der Partie und entdeckte etwas, was dem Förster langfristig vielleicht helfen könnte: „Offenbar gibt es doch auch etwas, was auf die Traubenkirsche Appetit hat“, stellte er anhand von zerfressenen Blättern fest. Was das sein könnte, wusste Neugebauer nicht. Folglich sei es auch schwer, es zu fördern. Doch vor allem reichen die zerbissenen Blätter nicht, um das Grundproblem zu lösen. Eingewandert, darin waren sich Neugebauer und Selzer einig, sei der Neophyt sicherlich über einen Garten von Anwohnern in Wehrheim.

Waldführung als Lohn

Durch Vögel und Insekten werden die Samen zudem großzügig verteilt und landen so eben auch an unerwünschter Stelle. Wer also einen Baum pflanzt, der sollte sich gut überlegen, welche Auswirkungen das langfristig haben kann. Dazu zählen selbstverständlich auch die positiven Effekte. Für die Mitarbeiter gab’s nach getanem Ausreißen zudem eine Waldführung mit Heiner Rupsch, der verschiedene Zusammenhänge im Wald erläuterte. Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) freute sich zudem darüber, dass für die Gemeinde eine positive Aktion zum Nulltarif dabei herausgekommen war.

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