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Diakon Joachim Pauli: Man muss die Kirche vor Ort stärken

Diakon Joachim Pauli (57) ist seit zehn Jahren im Usinger Land tätig. Im Interview mit TZ-Mitarbeiterin Evelyn Kreutz sprach er über Gott und die Welt, sein Verständnis von Kirche, seinen Wechsel vom Ruhrgebiet nach Hessen sowie über die neue Großgemeinde St. Franziskus und Klara Usinger Land.
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Wer Sie vor zehn Jahren zum ersten Mal im Gottesdienst erlebt hat, der wunderte sich über einen Menschen, der so ganz anders war, als die, die man in der katholischen Kirche sonst kannte. Ihre Sprache ist sehr weltlich, mehr noch: Sie könnten ebenso gut ein Entertainer sein.

JOACHIM PAULI: Das widerspricht sich nicht. Thomas Gottschalk war früher Messdiener. Als Messdiener macht man seine erste Bühnenerfahrung, man steht dem Volk gegenüber und lernt zu agieren. Ich sehe Kirche als wanderndes Gottesvolk, und meine Aufgabe als hauptamtlicher Bistumsmitarbeiter ist es, die Menschen in der Spur Jesu zu halten. Das Wichtigste ist dabei die Kommunikation, denn Religion ist für mich Beziehung und kein Gegenentwurf zur Naturwissenschaft. Und wenn die Beziehung zu mir selbst, zu anderen und zu Gott stimmt, dann gelingt alles.

Viele versuchen das mit dem erhobenen Zeigefinger. Woher kommt Ihre betont lockere Art im Umgang mit Menschen?

PAULI: Eine große Rolle spielt mein persönliches Naturell. Als zum Beispiel meine Frau einen Hund für die Familie anbrachte, meinte eine Nachbarin, ich sei wohl nicht so ein Hundefreund. Meine Antwort darauf: Nee, ich bin eher ein Menschenfreund. Ich bin im Ruhrgebiet, genau gesagt in Bochum, geboren und aufgewachsen, das war schon immer ein Schmelztiegel, da war kein Platz für Ressentiments zum Beispiel gegenüber Gastarbeitern. Schon dort hat sich meine positive Offenheit bewährt. Ich bin eben ein hoffnungsloser Optimist.

Nach dem Studium der Philosophie und Theologie in Bochum und Innsbruck und 22 Jahren als Religionslehrer zunächst an einer Berufsschule in Oberhausen, dann an der Georg-Kerschensteiner-Schule in Bad Homburg und an der Hochtaunusschule in Oberursel waren Sie 2005 für ein Jahr Diakonatsassistent in Grävenwiesbach und im Pastoralen Raum und sind seit Herbst 2006 Diakon für die katholischen Gemeinden des Usinger Landes. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

PAULI: Heiratsbedingt hat es mich in den Taunus verschlagen. In Kronberg habe ich als Ehrenamtlicher neue, beeindruckende Gemeinde-Erfahrungen gemacht. Dann zogen wir nach Brandoberndorf, in den hinteren Hintertaunus zu den ,sturen Hessen‘ – das war schon ein Kulturschock. In der katholischen Gemeinde Grävenwiesbach wurde nach dem Ausscheiden des Kollegen Norbert Nakatenus eine Stelle frei, und es standen Umstrukturierungen im Pastoralen Raum an. Die Stelle in der Usinger Berufsschule war besetzt, und ich begann, an der Christian-Wirth-Schule zu unterrichten. Das hat mich irgendwie gereizt.

Was ist für Sie das Besondere an Ihrer jetzigen Tätigkeit?

PAULI: Grävenwiesbach ist ja eine Gemeinde, in der viele, einige schon lange zurückliegend, einen Migrationshintergrund haben. Es sind Menschen aus Böhmen, Schlesien aus dem Sudetenland, Polen, aus dem Rheinland – und aus Brasilien. Miteinander eine Gemeinde zu sein, Feste zu feiern, einfach Zeit miteinander zu verbringen, das war und ist spannend. Und abwechslungsreich ist meine Arbeit auch: Ich bin Seelsorger für die Gemeinden in Grävenwiesbach und Usingen und dort zuständig für Taufen, Trauungen, Beerdigungen und den Predigtdienst. Ich organisiere und begleite Wallfahrten, bin beauftragt mit Taufpastoral und Firmvorbereitung, bin Vertreter für Caritas, erstelle den Gottesdienstplan und bin Mitglied in verschiedenen Gremien unseres Bistums.

Das hört sich nach viel Verwaltungsarbeit an. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrem religiösen Anspruch?

PAULI: In Grävenwiesbach habe ich von Anfang an zusammen mit der Gemeinde lebendige Kirche praktiziert, denn es kommt auf die Menschen an. Die Entwicklung hin zur Großgemeinde hat immer mehr Bürokratie mit sich gebracht. Im Bistum Limburg gibt es jährlich 3000 Kirchenaustritte, aber das Ordinariat wächst. In unserer Großpfarrei hängen wir immer noch dem nach, was vor 500 Jahren zu Zeiten des Konzils von Trient als Idealzustand galt: „Ein Gebiet, ein Volk, ein Pfarrer“. Man muss die Kirche vor Ort stärken. In der Großpfarrei mahne ich Dinge an, die ich nicht für klug halte, oder ich ziehe mich zurück.

Könnte ein solcher Rückzug auch bedeuten, dass sie noch einmal eine andere Aufgabe anstreben? Und wie stellen Sie sich Kirche vor?

PAULI: Ich habe noch acht Jahre vor mir und würde mir wünschen, dass das stark hierarchische Kirchendenken aufgelöst und manches anders aufgestellt wird, die Menschen mehr gefragt werden. Wenn die Kirche immer kleiner wird, bleibt nur noch, den Mangel zu verwalten, das ist mir zu wenig. Dabei geht es mir nicht darum die Kirchenbänke zu füllen, mit acht bis zehn Prozent ,Kirchgängern’ von knapp 900 Katholiken in der Gemeinde Grävenwiesbach sind wir ja ganz gut. Anders als irgendein Verein oder ein kurzfristiges Projekt kann die Kirche echte Lebensperspektiven bieten. Das gelingt aber nur, wenn wir es schaffen zu zeigen, was die frohe Botschaft mit dem Leben und den Menschen zu tun hat, und wenn wir jüngere Mitarbeiter gewinnen können. Ich persönlich habe den unerschütterlichen Glauben, dass ein Leben mit Jesus leichter ist als ohne ihn. Die Kirche muss Jesus in ihrem Mittelpunkt behalten. Ich akzeptiere, wenn Menschen sich von uns abwenden, aber das darf nicht an uns liegen, sonst haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem.

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