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Beratung: Kreis bietet Hilfe für Eltern von Sternenkindern an

TZ-Redakteur Harald Konopatzki hat in dieser Zeitung bereits auf sehr persönliche Art seine Erlebnisse als „Sternenpapa“ geschildert. Heute widmet er sich dem Thema von einer anderen Seite und berichtet darüber, wie der Hochtaunuskreis und die Kommunen mit diesem sehr emotionalen und wichtigen Thema umgehen.
Auf dem Friedhof in Wehrheim gibt es seit ein paar Monaten diese Sternschnuppe, bei der Sternenkinder beigesetzt werden können. Mittlerweile haben viele Kommunen im Kreis entsprechende Angebote. Auf dem Friedhof in Wehrheim gibt es seit ein paar Monaten diese Sternschnuppe, bei der Sternenkinder beigesetzt werden können. Mittlerweile haben viele Kommunen im Kreis entsprechende Angebote.
Hochtaunus. 

Wenn ein Kind stirbt oder feststeht, dass ein Baby die Geburt nicht erleben wird, ist die Welt für betroffene Eltern plötzlich eine andere, erläutert die Kreisbeigeordnete Katrin Hechler (SPD). Zu der unendlichen Trauer gesellt sich meist Hilflosigkeit. Denn während es für viele akute Lebenssituationen Notrufnummern oder zentrale Anlaufstellen gibt, ist es in dieser Situation schwer, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Noch.

Ein Abschiedsbild am Tag der Beisetzung.
Sternenkinder Wenn die Geburt gleichzeitig ein Abschied ist

Die Schwangerschaft sollte eine Zeit des Glücks und der Vorfreude sein. Doch nicht immer steht an deren Ende das pure Glück. „Sternenkinder“, also Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben, gibt es häufiger als viele denken. Für die Eltern ist das eine Katastrophe. Auch weil es noch wenig vernetzte Angebote gibt, dafür aber jede Menge Bürokratie und teilweise Unverständnis. Auch Redakteur Harald Konopatzki ist ein „Sternenpapa“. . .

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Denn im Hochtaunuskreis steht das Thema weit oben auf der Agenda von Jugendamtsleiter Heinz Rahn und der Koordinationsstelle Frühe Hilfen. Bei dieser Einrichtung können sich schwangere Frauen, werdende Eltern und Familien mit Kindern bis drei Jahren über das Leistungsangebot des Hochtaunuskreises informieren – ihr Logo ist ein freudig lächelnder Storch, der Inbegriff von Babyglück. „Wir freuen uns über jede Geburt, über jede erfolgreich vermittelte Adoption. Aber wir sind Ansprechpartner für alle Facetten der Schwangerschaft, auch, wenn die Schwangerschaft nicht glücklich verläuft“, versichert Hechler.

Personal weiterbilden

Nur, wie soll man sich einem so sensiblen Thema nähern? Für viele andere Probleme gibt es Konzepte, an denen man sich orientieren kann. Hier aber ist echte Aufbauarbeit gefragt. Und die hat längst begonnen. Rahn hat nicht nur eine Idee, er hat einen Plan, der in Stufen realisiert werden soll. Einiges kann er schon jetzt sagen: „Wichtig ist die Information und Weiterbildung des Personals, das mit betroffenen Eltern in Kontakt kommt. Das gilt im erweiterten Sinne auch für Mitarbeiter in den Kliniken, Frauenärzte, Hebammen – aber auch die Beratungsstellen oder die Bestatter.“ Sprich: Menschen in verschiedenen Betrieben mit verschiedensten Tätigkeitsbereichen.

Weil man die nicht einfach mal zusammentrommeln kann, soll es zunächst eine schriftliche Information geben. „Uns schwebt ein Brief vor, mit dem wir zunächst sensibilisieren wollen.“ Denn vor allem in den medizinischen Berufen sei die Unsicherheit noch groß. Oft führt die beruflich bedingte Distanz – auch Ärzte dürfen nicht alles emotional an sich heranlassen – dazu, dass es an Empathie fehlt. „Es kommt dann zu einer Versachlichung“, sagt Rahn. Aus dem Kind im Mutterleib wird so ein Fötus, aus dem Todeskampf des entstehenden Menschen ein „mit dem Leben unvereinbarer Defekt“. Für Hechler ist klar: „Das ist zum Teil Eigenschutz, trotzdem müssen wir da etwas tun.“

Rituale sind wichtig

Mit Gisela Dietrich haben die Frühen Hilfen neben Kristina Preisendörfer eine Frau, die weiß, was Eltern nach einem solchen Verlust durchmachen. „Ich habe vor 16 Jahren meine Tochter verloren, als sie ein Jahr alt war“, erzählt sie. Damals habe sie sich nicht vorstellen können, einmal auf der anderen Seite zu stehen und Hilfe zu vermitteln. Mittlerweile hat sie gelernt, mit dem Verlust umzugehen und anderen beizustehen. „Das verstorbene Kind geht ein Leben lang mit“, sagt Rahn. Und so seien Rituale, Räume für die Trauer und Erinnerungen ungemein wichtig, um das Geschehene verarbeiten zu können.

Angst vor Fettnäpfchen

So wissen die beiden auch – anders als viele betroffene Eltern –, dass ein solches Trauma auch dann tiefe Spuren hinterlassen kann, wenn ein weiteres Kind geboren wird. Rahn: „Das fängt bei der Namenswahl an – ab und an kommt es vor, dass das Kind dann einfach den Namen bekommt, den das erste bekommen hätte. Häufig werden dann auch die Hoffnungen und Ängste aus der ersten Schwangerschaft mit übertragen.“ Das kann fatal werden. „Die Kinder dürfen diese Last nicht aufgebürdet bekommen.“

 

Orte für die letzte Ruhe

Im Hochtaunuskreis gibt es bereits einige Möglichkeiten, Sternenkinder zu bestatten – anonym oder in einem Grab. Zuletzt hat die Gemeinde Wehrheim auf dem dortigen Friedhof ein zentrales Feld für

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Auch die Gesellschaft sei nicht auf glücklose Schwangerschaften vorbereitet. Dietrich: „Wir lernen nicht, wie man damit umgehen soll. Jeder weiß, dass man bei einer Geburt ,Herzlichen Glückwunsch!’ sagt. Wenn es Probleme gibt oder die Schwangerschaft unglücklich verläuft, wird das totgeschwiegen.“ Rahn geht sogar einen Schritt weiter, indem er anmerkt, dass die Menschen bei Trauerfällen insgesamt meist zu zurückhaltend sind. „Selbst wenn die Formel ,Herzliches Beileid’ kommt, trauen sich die wenigsten zu fragen, wie es dem Betroffenen geht.“ Die Unsicherheit, die Angst vor einem Fettnäpfchen, schwingt eben immer mit.

Eltern nicht allein lassen

Hechler und das Team der Frühen Hilfen wollen das ändern. „Wir werden die Eltern nicht alleine lassen“, versprechen sie. Ein Patentrezept für den richtigen Trost gibt es freilich nicht, doch eine differenzierte, individuelle Herangehensweise könnte ein Schlüssel sein. Das erste Pflänzchen wächst bereits: die Gruppe „Stiller Schmetterling“, die im Frühjahr in Wehrheim etabliert wurde und in der betroffene Eltern miteinander ins Gespräch kommen können.

„Stiller Schmetterling“ ist ein Angebot zum ...

Ein spezielles Angebot bietet seit kurzem Eltern von Sternenkindern einen geschützten Raum, in dem die Trauer einen Platz findet. „Jeder darf kommen, egal wie lange der Verlust her ist“, erklärt Verena Zimmer.

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„Es gibt aber auch Frauen, die die Schwangerschaft ohne Partner durchstehen“, gibt Rahn als Beispiel zu bedenken. Männer wiederum trauern meist anders als Frauen. In Dietrichs Fortbildungsgruppe – sie lässt sich derzeit zur Trauerbegleiterin weiterbilden – sitzt neben zwölf Frauen nur ein Mann. Daher sei es wichtig, mit der Beratung beide Geschlechter zu erreichen. Zudem müsse man im Blick behalten, dass auch in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich getrauert wird.

Unterstützung nötig

Eines jedoch sei in Rahns Augen in jedem Fall sicher: „Ein so einschneidendes Erlebnis darf nicht in Wortlosigkeit münden. Man braucht Begleitung und Unterstützung.“ Nicht nur den Trauerfall selbst gilt es dabei zu bewältigen und zu verarbeiten. Ein solches Beben schlägt Wellen in die verschiedensten Lebensbereiche der Betroffenen, Geschwister oder Großeltern werden mit berührt. Es kann dazu führen, dass man vorübergehend nicht arbeitsfähig ist. Auch die sozialen Beziehungen, ja das ganze Familiengefüge kann durch ein solches Ereignis belastet werden. Das müsse erkannt und ernstgenommen werden.

Bleibt eine weitere Hürde: Wie soll der Kreis alle Betroffenen erreichen? Denn während der Hochtaunuskreis mit seinen Angeboten an die kommunalen Grenzen gebunden ist, sind es oft sind die Kliniken in Frankfurt oder Gießen, in denen die Frauen landen – sie sind Anlaufstellen mit den entsprechenden Diagnosemöglichkeiten. „Allerdings sind wir über unser Begrüßungspaket mit den Kliniken im und außerhalb des Kreises verbunden, so bekommen Bürger aus dem Hochtaunus dort bei Geburten auch ein Begrüßungspaket – über diese Schiene sollte es funktionieren“, überlegt Hechler.

Im nächsten „Wegweiser des Hochtaunuskreises“ wird das Angebot der Frühen Hilfen ebenfalls bereits aufgeführt sein. „Aber wir sind auch jetzt schon bereit und bieten Betroffenen an, mit uns Kontakt aufzunehmen“, wirbt Gisela Dietrich. Auch Ärzte können sich melden, wenn sie Fragen haben, wie sie den Patienten in solchen Fällen weiterhelfen können. Die Gespräche sind in jedem Fall vertraulich und können telefonisch, im Kreishaus oder auch daheim geführt werden. Ein geschützter Rahmen werde dabei garantiert.

Klinken putzen

In nächster Zeit will das Team „Klinken putzen“ gehen, damit möglichst viele Institutionen und Ärzte im Kreisgebiet über das, was sich da beim Hochtaunuskreis tut, informiert sind. Dabei bleibt Hechler, die diesen Aspekt der Familienarbeit als Pflichtaufgabe ansieht, realistisch: „Wir können sicher nicht alles auf einmal angehen und stemmen.“ Aber die ersten Schritte sind gemacht.

Tag der Sternenkinder

Der Tag der Sternenkinder findet jährlich am 15. Oktober statt. Es wird aller Kindern gedacht, die während der Schwangerschaft, während oder kurz nach der Geburt sterben. Um 19 Uhr Ortszeit werden Kerzen entzündet.

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