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Eine grausame Weihnachtsnacht

Weihnachten 1944 – das war für die meisten Deutschen ein wenig erbauliches Fest. Doch in dem Taunusdorf Merzhausen wurde die Heilige Nacht blutig. Unser Autor als Ur-Anspacher hat die Tragödie des Nachbardorfes miterlebt. Ein beeindruckendes Zeitzeugnis.
Das Foto der zerstörten Maschine entstand 1945 auf dem Flugplatz. Bilder > Das Foto der zerstörten Maschine entstand 1945 auf dem Flugplatz.
Usingen. 

Damals, mitten im Dezember 1944, lebten in meinem Heimatdorf Anspach knapp 2500 Menschen, die Evakuierten aus den zerbombten Städten im Rhein-Main-Gebiet mit eingerechnet. Fast jeder kannte jeden.

Die Adventszeit nahte mit Frost und ein wenig Schnee. Wir Buben von 13 und 14 Jahren fanden das Leben trotz aller Ahnung von Not und Tod dennoch aufregend interessant. Da lag eine zwangseinquartierte Nachrichtenkompanie im Dorf, der Divisionsstab im Haus meiner Großeltern. Da gab es einen Ordonanzoffizier, einen Wiener Fotografen, der das halbe Dorf porträtierte. Da pilgerten wir durch den glitzerenden reif-schweren Hochtaunus zu jenem Jagdflugzeug, das gegen den kleinen Feldbergturm gerast war. Da wurde geschlachtet und schwarz-geschlachtet. Wer in der Landwirtschaft lebte, überlebte gut.

Vater war Anfang Dezember auf stark Tiefflieger-gefährdeten Strecken unversehrt vom Westwall zurückgekommen. Dort hatte er mit Hitlerjungen und vielen älteren Männern vergeblich Panzergräben ausgehoben und allerlei sinnlose Sperranlagen aufgebaut.

Vater bekamen wir aber fast nur am Wochenende richtig zu sehen. Er war vom Kriegsdienst zurückgestellt, weil seine Tätigkeit als Waldarbeiter offenbar kriegswichtig war.

Der 24. Dezember 1944 fiel mit dem 4. Advent zusammen. Vater hatte schon am Morgen vor dem Gottesdienst zum 4. Advent die „gute Stube“ angeheizt, was im Jahr nur einmal, nämlich an Weihnachten, vorkam.

Draußen herrschte ein trocken-heller Frost, es lag nur wenig Schnee, der Boden war hartgefroren. Gegen 14.30 Uhr trafen wir, drei gleichaltrige Schulfreunde, bei dem vierten im Bunde ein. Dort durften wir etwas ganz Schlimmes, staatlich streng Verbotenes tun. Und hinter dem alten Kanapee kauerten wir und hörten aus dem alten Volksempfänger, der sonst neben dem Lehnsessel des fortwährend hustenden Großvaters unseres Freundes auf einem Tisch stand, BBC London, also den Feindsender.

Und da hieß es plötzlich: „Alliierte Bomberverbände befinden sich im Angriff auf Feldflugplätze im Rhein-Main-Gebiet.“

 

Feindsender informiert

 

Konnte das sein? Es war doch Weihnachten? Bei der Meldung des Feindsenders dachten wir aber weniger politisch als vielmehr abenteuerlich. Wir bestiegen sozusagen geheimbündlerisch das verbotene, wackelige Feuerwehrtürmchen, in dem die Schläuche getrocknet wurden. Es war ein primitives Gebilde, das von sechs oder acht starken Fichtenstangen gestützt beim Gerätehaus in die Luft ragte.

Wir fühlten uns als ganz wichtige Beobachter des angekündigten Geschehens, denn einer der Feldflugplätze lag ja nur etwa drei Kilometer Luftlinie nördlich von unserem Schwindel-erregenden Lug aus entfernt. Wären wir erwischt worden, hätte es mit Sicherheit trotz Weihnachten eine Tracht Prügel gesetzt.

Wir brauchten nicht lange bei der klirrenden Kälte und dem strahlenden Sonnenschein in luftiger Höhe auszuharren, bis das dumpfe Dröhnen des Flugzeugpulks von Wiesbaden-Erbenheim und Eschborn herüber dröhnte. Die Flak begann zwecklos zwischen die Geschwader zu schießen, die dann über der Wetterau nach Norden und dann nach Nordwesten drehten. Einige deutsche Jagdflugzeuge stiegen vom Feldflugplatz auf, wir erwarteten einen spannenden Luftkampf. Aber die Focke-Wulf-Maschinen nahmen reißaus, vielleicht waren sie für Besseres bestimmt.

Dafür waren die dunkel glänzenden Punkte der Bomber immer deutlicher zu sehen. Und als sich die Maschinen in der Höhe des Feldflugplatzes Merzhausen befanden, fiel plötzlich ein ganz anderer Ton, ein Pfeifton, in das Dröhnen der Flugzeugmotoren ein. Es war ein infernalisches Singen und Zischen und Rauschen, und dann folgten gewaltige Detonationen. Wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, die langen Reihen der wie weiße Eier in der Sonne glänzenden Bomben zu sehen, die aus den Schächten der Flugzeuge fielen.

Wehe dem Flugplatz, wehe dem benachbarten Dorf Merzhausen! Ein not- und todbringendes Weihnachtsgeschenk, eine höllische „Bescherung“ von oben. Der Spuk war vergleichsweise schnell vorbei. Die Flugzeuge flogen nach Westen ab, einige hatten die Bomben etwas später fallen lassen. Wir stiegen zitternd die Leiter, in der einige Sprossen fehlten, neben den getrockneten Feuerwehrschläuchen hinab. Wir waren verschont geblieben. Weihnachten konnte beginnen.

Als ich heim kam, empfing uns die gute Stube im Weihnachtsduft, einem ätherischen Gemisch von dem harzreichen Christbaum, den ausgestochenen Plätzchen und dem heißen Apfelwein mit Zimt und Zucker. Der Vater ließ es an nichts fehlen. Er hatte den „selbst gemachten“ Granat-roten Johannisbeerwein bereitgestellt. Man trank einen Begrüßungsschluck, dann las Opa die Weihnachtsgeschichte vor, besser: Er sagte sie auswendig.

Dann erfolgte die Bescherung mit Pullover, je einer Mütze und einem Paar Socken. Dazu kamen noch ein Quartettspiel und ein paar Sägeblätter und Vorlagen für die Laubsägearbeiten. Ich erhielt ein geradezu aufsehenerregendes Geschenk: ein Paar Skier. Umgekehrt warteten wir Kinder mit Laubsägearbeiten und Gedichten auf. Es wurde wie immer am Heiligabend viel gesungen, die alt vertrauten Lieder. In diesem Jahr konnte ich sie in einfachen Sätzen schon auf dem Klavier begleiten, das Vater in unser Wohnzimmer hatte stellen lassen.

Während sich die Großeltern, die Diakonissen und die Eltern über viele Vorkommnisse und Geschichten vom Krieg und aus dem alten Dorf unterhielten, wobei ich zumindest mit einem Ohr ganz dabei war, kümmerten sich die Geschwister um ihre neuen und alten Spiele, knackten Nüsse und knabberten an den Weihnachtsplätzchen.

Nur einer fehlte an diesem Abend: unser Sanitätsoffizier von der Nachrichtenabteilung. Er war mit seiner Abteilung auf dem Flugplatz zugange, wo er nach dem Angriff am Nachmittag viel zu verbinden und zu helfen hatte.

Der erste Weihnachtsfeiertag verlief zunächst in gewohnten Gleisen: Festtagsgottesdienst, etwas besseres Essen (Schweinebraten) und dann am frühen Nachmittag der Besuch bei den Großeltern mütterlicherseits. Allerdings verlief der Nachmittag, an dem auch andere Verwandte mit Kindern herbeigekommen waren, anders als erwartet. Ein gleichaltriger „Nachcousin“ und ich hielten es nicht in der Stube aus. So gegen 15 Uhr begann ein für uns nachhaltig wirksames Abenteuer.

Im Nachhinein frage ich mich immer noch, warum wir den trauten Familienkreis verlassen hatten, um auf einem alten Damenfahrrad die Straße hinauf und hinunter zu fahren, und vor allem, woher wir den Mut nahmen, das Fahrrad auf einen Militär-Lkw zu werfen, der in der Schreinerei in einer Seitengasse Särge aufgeladen hatte. Wir konnten uns schnell mit den Uniformierten arrangieren, kauerten dann mit dem Fahrrad zwischen den Särgen und fuhren in Richtung des Feldflugplatzes.

Wir wollten etwas von dem sehen, was am Tag zuvor nur aus der Ferne zu beobachten war. Wir überlegten nicht lange, fragten auch nicht nach der Reaktion der Eltern. Das war ein Gemisch aus Neugier und pubertärer Wichtigtuerei.

 

Aufgerissene Häuser

 

Als wir uns gegen 16 Uhr dem Dorf oberhalb des Flugplatzes näherten, verschlug es uns die Sprache. Wir hätten jetzt gern auf diesen Nervenkitzel verzichtet. Denn wir standen plötzlich mitten auf dem Kriegsschauplatz an der sogenannten Heimatfront. Nichts von Heldentum und Hurra-Patriotismus, dagegen: verstockte, versteinerte Menschen, Eisberge aus erstarrtem Löschwasser und Hilflosigkeit. Wir blicken in aufgerissene Häuser und zersauste Weihnachtsstuben, die gestern noch fein säuberlich hergerichtet waren.

Zerfetzte und ausgebrannte Scheunen starrten uns an. Dort lag ein Lametta-verzierter Christbaum in einer Hofecke, dort dampften noch verbrannte Kühe an ihren Ketten, die keine Fluchtchance hatten und zu Kadavern verschmolzen waren. Es roch nach verbranntem Heu und Stroh. Auf einem der gewaltsam abgedeckten Gebäude hing das Vorderteil eines fuchsfarbenen Pferdes.

Gespräche konnten wir nicht führen. Wir kamen uns überflüssig vor, wir konnten ja nicht helfen. Der westliche Teil des Dorfes war arg mitgenommen. Sehr viele Bomben waren auch auf das rückwärtige Feld gefallen. Da hatte ein Bombenpulk nur zu spät ausgeklinkt.

Gegen 17.30 Uhr machten wir uns auf den Heimweg, unser wackeliges Fahrrad nur sehr vorsichtig abwechselnd benutzend. Als wir aus dem Wald kamen, hatte der kalte Vollmond die vor uns liegende offene Landschaft in ein Silberreich verzaubert, er tat so, als sei nichts geschehen. Und dann kamen wir heim in eine völlige Nicht-Betroffenheit, in eine heile, warme Weihnachtsstube.

Nach dem Abendbrot gingen wir wieder in die gute Stube, diesmal die Familie allein, wir waren unter uns. Die Geschwister spielten fröhlich und durchaus in Eintracht. Der Sanitätsoffizier berichtete von den Geschehnissen des 24. Dezember, ich konnte ergänzen. Die Idylle wich einer Betroffenheit, das Schweigen verursachte.

Vater war bereits für den zweiten Feiertag mit Hacke und Schippe zum Planieren der Bombentrichter beordert worden.

Ich musste zum Schluss doch noch eine mühsam gelernte „Weihnachtsphantasie“ auf dem Klavier spielen. Das „O, du fröhliche“ klang 1944 nicht so überzeugend, mehr, als hätten alle Halsweh.

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