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Reality-Format: Familie Yerli testet das harte Leben

Familie Yerli erfährt gerade, dass ihr für Sat 1-Doku-Soap 170 Euro für eine Woche zur Verfügung stehen. Für sie ist das nicht viel und  für die Kinder eine neue Erfahrung. Familie Yerli erfährt gerade, dass ihr für Sat 1-Doku-Soap 170 Euro für eine Woche zur Verfügung stehen. Für sie ist das nicht viel und für die Kinder eine neue Erfahrung.

Ein hundertprozentiges Abbild der Wirklichkeit erwartet Sevinc Yerli nicht, wenn sie heute Abend in Sat1 bei „Plötzlich arm, plötzlich reich“ zu sehen ist. „So eine Sendung funktioniert nur, wenn man mit Klischees arbeitet. Sonst will das keiner sehen.“ Dennoch hat die Familie mitgemacht.

Dreimal hatte die Produktionsfirma Imago-TV bei den Yerlis für das Reality-Format angefragt. Zweimal haben das Ehepaar Anvi und Sevinc Yerli abgesagt. Für eine Woche hätten sie vor laufender Kamera ihre Wohnung mit einer anderen Familie tauschen, mal in deren Job arbeiten und für die Zeit mit ihrem Wochenbudget auskommen sollen. Als „die Reichen“ sollten sie auftreten. Denn Anvi Yerli hat es als einer der Gründer der Spieleentwickler „Crytek“ zu einigem Wohlstand gebracht. Auch Sevinc Yerli ist als Designerin und Gründerin des Frankfurter Modelabels „Chilli Bang Bang“ keine Unbekannte.

Warum hätten sie auch mitmachen sollen bei dem „Tausch-Experiment, das beantwortet, was die Menschen wirklich glücklich macht“, wie es bei der Produktionsfirma heißt? Es folgten lange Gespräche. Vor allem zwei Gründe haben die Familie aus dem Frankfurter Süden doch umgestimmt: „Zum einen wollten wir unseren Kindern – 14, neun und acht Jahre sind sie alt – zeigen, dass das, was wir haben, nicht selbstverständlich ist“, sagte Yerli. „Dass es auch Menschen gibt, die unter anderen Umständen leben.“ Zum anderen habe man zeigen wollen, dass die Vorstellung von Migranten, die viele haben, nicht stimmt. Auch türkischstämmige Menschen sollten im Fernsehen auftreten, die es mit Fleiß in Deutschland zu etwas gebracht, sich gut integriert hätten, sagt Yerli.

So zog die Familie doch für eine Woche nach Nettetal in Nordrhein-Westfalen, in die 70 Quadratmeter-Wohnung „der Armen“. Eine gute Erfahrung nennt Frau Yerli die Zeit. Die beiden Kleinsten mussten in einem Zimmer schlafen, Frau Yerli für einen Tag in einer Bar arbeiten und ihr Mann als Maurer. „Auch mussten wir jeden Tag kochen, weil wir ja nur 170 Euro hatten.“ Für die Kinder sei das neu gewesen. Für die Eltern nicht. „Wir kommen beide selbst aus einem Arbeitermilieu“, sagte Yerli. Langsamer sei das Leben in Nettetal gewesen und die kleinere Wohnung habe die Familie enger zusammengebracht. Für Yerli sei das wohl das Schönste gewesen.

Und der Dreh? Elf Stunden am Tag waren die Kameras dabei. Kaum eine Szene sei gestellt worden. Angst, dass noch durch den Schnitt ihre Familie schlecht dargestellt wird, hat Frau Yerli nicht. „Es hat zwar gedauert, aber am Ende habe ich der Produktionsfirma vertraut.“ Tatsächlich werden hier, anders als etwa bei Sendungen wie „Frauentausch“ oder „Schwiegertochter gesucht“, die Familien nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Trotzdem sieht sie ihr Leben in manchen Teilen falsch dargestellt. So kaufe sie etwa nur ausgewählte Sachen im Feinkostladen. Die andere Familie – „sehr nette Leute sind das“, sagt Yerli – habe dann aber alles in dem teuren Geschäft eingekauft. „Jetzt sieht es so aus, als würden wir 360 Euro eben mal für einfache Lebensmittel zahlen.“ Das stimme zwar nicht, es sei aber nur eine Kleinigkeit. Aber Klischees waren für sie ein Thema. „Für uns war das eben der Kompromiss: Die Klischees über Arme und Reiche mussten wir hinnehmen, um dafür denen über Migranten etwas entgegensetzen zu können“, erklärt Yerli.

Doch es habe sich gelohnt. Letztens habe ihr Sohn zu ihr gesagt: „Weißt du Mama, du bezahlst mir immer den teuren Klavierunterricht, und ich beschwere mich nur und nörgle rum. Das ist eigentlich nicht fair.“ msr

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