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Letzter Garten: Wo und wie die Frankfurter Freimaurer ihre Toten ehren

Um die Freimaurer ranken sich viele Legenden. Ihre alten Symbole findet man auf dem Hauptfriedhof. Für die Brüder und Schwestern der Frankfurter Loge „Carl zum Aufgehenden Licht“ gibt es dort einen „letzten Garten“. Logenvorsitzender Norbert Haarmann erläutert die Besonderheiten.
Norbert Haarmann, Vorsitzender der Frankfurter Freimaurerloge „Carl zum Aufgehenden Licht“, am Grab des Logengründers Joseph Franz Molitor. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Norbert Haarmann, Vorsitzender der Frankfurter Freimaurerloge „Carl zum Aufgehenden Licht“, am Grab des Logengründers Joseph Franz Molitor.
Frankfurt. 

Am 23. März 1860 tat Joseph Franz Molitor die Augen für immer zu. Nur ein paar Schritte vom Alten Portal des Hauptfriedhofs sind es zum Grabmal des Frankfurter Philosophen und Freimaurers. Das rote Türmchen, aufwendig im neugotischen Stil aus Mainsandstein gehauen und mit schön komponierter, reich vergoldeter Schrift, war seinerzeit sprichwörtlich todschick, da hochmodern und in dieser oder ähnlicher Gestalt auf Friedhöfen gern gesehen.

Seitdem ist das restaurierte Grabmal – vom alten Standort dorthin versetzt – der Mittelpunkt des Grabes der Freimaurerloge „Carl zum Aufgehenden Licht“, deren Mitglied der Verstorbene war. „Der Grabstein wurde damals von Brüdern unserer Loge gestiftet und steht unter Denkmalschutz. Nachdem ein Baum auf den Stein gestürzt war, mussten wir die kirchturmartigen Spitzen nacharbeiten lassen“, erzählt Norbert Haarmann, amtierender Meister vom Stuhl und Vorsitzender der Loge. Die kürzlich eingeweihte große Pyramide auf dem Freimaurergrab der „Loge zur Einigkeit“ steht in kurzer Distanz, genau wie das Grab des Philosophen Arthur Schopenhauer nicht weit ist. So nah an der Friedhofsmauer und im Kreise namhafter Frankfurter Persönlichkeiten ruht man hier an exponierter Stelle, gleichsam auf einem „Logenplatz“ – um diesen Begriff aus der Theaterwelt zu bemühen.

Offen für Ehefrauen

„Fünf Erdbestattungen und bis zu 18 Urnenbestattungen sind hier möglich. Die letzte fand 2014 statt: Dr. Herbert Pohl, ein Logenbruder und ehemaliger Banker“, erläutert der Meister vom Stuhl. Insgesamt sieben Namen von Verstorbenen sind auf einer separaten modernen Steintafel hinter dem Grabdenkmal zu lesen, nebenan ist eine zweite Tafel noch ohne Inschrift. „Auf unserem Grabfeld liegen mehr Logenbrüder als dort vermerkt, doch sie sind nicht eingetragen“, weiß Haarmann. Auch den Ehefrauen der Logenbrüder, genannt „Schwestern“, steht dieser „letzte Garten“ offen, doch dies war nicht immer so, wie Norbert Haarmann ausführt: „Wir haben das in jüngerer Zeit geändert, wie es bei anderen Logengräbern auch üblich ist. Nun dürfen hier Frauen beigesetzt werden.“

Wer war Joseph Franz Molitor? Es heißt, manchem Zeitgenossen sei er ein Rätsel geblieben. Als christlicher Autor setzte sich der in Oberursel geborene Frankfurter auf wissenschaftlicher Ebene mit der jüdischen Geheimlehre Kabbala auseinander und versuchte zu deren Quellen vorzudringen, um daraus den Gehalt für die christliche Geisteswelt zu erschließen. „Das brachte ihm gleichermaßen die Bewunderung der intellektuellen Größen seiner Zeit wie Armut und soziale Isolation“, erfährt man in einer Dissertation von Katharina Koch, die sich mit dem Wirken des Philosophen befasst.

„Molitor wurde am 19. Mai 1808 in die Frankfurter Loge ,Zur aufgehenden Morgenröthe’ aufgenommen und war zeitweise deren Meister vom Stuhl. 1816 war er Gründer unserer Loge“, so Haarmann und verweist auf die Inschrift: „Dem unvergessenen Freund und Lehrer errichtet von seinen trauernden Freunden.“ Die traditionellen Freimaurerwerkzeuge wie Winkel, Hammer und Zirkel sind ebenso auf dem historischen Grabstein abgebildet wie das christliche Alpha- und Omega-Zeichen. „Zur Freimaurerei gehört, sich mit dem Metaphysischen zu beschäftigen. Mit dem Tod ist das Leben nicht zu Ende, wir gehen in eine andere Lebensform über. Was auch jeder darunter verstehen mag“, sagt Haarmann.

Pflichtübung Grabbesuch

Seit 2002 ist der gebürtige Sauerländer Logenmitglied, vor bald 30 Jahren kam er als Ingenieur nach Frankfurt. „Ich kann mir vorstellen, im Logengrab beerdigt zu werden, denn Verbindungen zu meiner alten Heimat bestehen keine mehr“, sagt der 65-Jährige. Am Totensonntag kam er wie jedes Jahr zum Grab, ein fester Termin im Logenkalender: „Der gemeinsame Grabbesuch und das Gedenken dort sind eine Pflichtübung.“ Die drei am Gemeinschaftsgrab niedergelegten Rosen, tief verankert in der freimaurerischen Symbolik, zeugen noch von diesem Besuch. Norbert Haarmann erzählt vom besonderen freimaurerischen Bestattungsritual, von der „Bruderkette“ – Hand in Hand – um Sarg oder Urne und einer großen Feierlichkeit des Moments. „Jedem Logenmitglied steht frei, sich seiner Konfession entsprechend bestatten zu lassen. Doch bei unserem Zeremoniell fehlt bewusst der sakrale Hintergrund. Es geht um einen würdevollen, gemeinsamen abschließenden Weg. Üblich ist, dass jeder Bruder den Freimaurerschurz – das rituelle Kleidungsstück – trägt. Der Schurz des Verstorbenen ist auch präsent, dazu sind die drei Rosen sichtbar.“

Außenstehenden mag dieser Abschied ungewohnt erscheinen, wie überhaupt die Symboliken des Bruderbundes seit jeher zu Spekulationen anregen. „Wir sind eine geschlossene Gesellschaft und treten nicht offensiv und mit unserem Tun und Gedankengut an die Öffentlichkeit. Meinungen, Gerüchte und Vorurteile halten daher besonders hartnäckig“, spricht Norbert Haarmann für seine Loge. Unter den in Frankfurt ansässigen Zusammenschlüssen gehört die Loge „Carl zum Aufgehenden Licht“ zu den kleineren, 22 Mitglieder kommen derzeit im Haus der „Loge zur Einigkeit“ in der Kaiserstraße zusammen. Insgesamt zählt die Mainstadt mehr als 400 Freimaurer, organisiert in sieben Logen, Männer mit verschiedenen weltanschaulichen, religiösen und politischen Überzeugungen. Drei Logengräber werden unterhalten, zwei auf dem Hauptfriedhof und das Grab der Lessing-Loge auf dem Südfriedhof. Wer sich dort bestatten lassen möchte, beteiligt sich finanziell. Auch die Grabpflege obliegt der jeweiligen Loge. „Es gehört zur Gemeinschaft, dass man auch etwas in die Gemeinschaft gibt“, macht Norbert Haarmann abschließend einen Grundgedanken deutlich.

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